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Höhepunkte Madagaskars 1.

Höhepunkte Madagaskars 1.

"Der sechste Kontinent"

Ich kann mich nicht erinnern!
Welchen Tag haben wir heute?
Seit wann bin ich hier?

Ich sitze auf der Terrasse meines Bungalows, spüre die Morgenschwüle, höre den Regen des frühen Regenschauers die Blätter hinuntertropfen und schaue über den großen See. Die Sonne wagt sich hinter den Wolken hervor und ich lausche dem Rauschen der starken Brandung, die nur von einem schmalen Waldstreifen vom anderen Seeufer getrennt ist.

Ich bin im Palmarium, einem kleinen, privaten Reservat auf einer Halbinsel zwischen Manambato und Tamatave auf Madagaskar.

Ja. Ich bin dahin gegangen, wo der Pfeffer wächst, wenngleich ich außer Vanille, Zimt, Nelken und Lorbeeren sowie etliche Pflanzen, die die Einheimischen für medizinische Zwecke nutzen, noch keine Gewürze gesehen habe.

Madagaskar, die viertgrößte Insel der Welt (oftmals auch als der „sechste Kontinent“ wegen seiner isolierten Entwicklung benannt) und mit einer Fläche von 590.000km² in etwa so groß wie Deutschland, hat viele Gesichter - so viel habe ich bereits jetzt erkannt.

Nicht nur, dass man hier jegliches Zeitgefühl verliert – nein, man kann manches Mal noch nicht einmal mit Gewissheit sagen, wo man sich befindet: Afrika? Südamerika? Arabien? Asien?

Es hatten wohl alle möglichen Kulturen einen Einfluss auf die Unterschiedlichkeit der Bevölkerung. Schon unzählige Male war ich in Afrika, doch die Gesichter, in die ich hier blicke, sind anders. Nur selten sehe ich die kurze Krause, die so typisch für die Haare der Afrikaner ist. Und auch die Haut ist etwas heller, die Augen nicht so dunkel, dass man die Pupille nicht erkennen kann, manchmal gibt es sogar blaue Augen und die Gesichter sind anders. Auch die bunten Wickelröcke fehlen, die die afrikanischen Frauen oft anhaben. Dafür tragen manche Frauen hier neben langen, glatten Haaren (indischer oder arabischer Einfluss?) die farbige Kleidung und Mützen der Indios.

Es irritiert mich, denn die fröhlichen Muster passen zwar zur Kleidung und auch die sanften, grünen, bewaldeten Hügelketten lassen einen eher eine Landschaft in den Anden vermuten, als hier im tropischen Osten Madagaskars, doch wirkt vieles hier so „untypisch afrikanisch“.

Die madagassischen Häuser sind bemerkenswert, denn, findet man in Afrika (und ich spreche hier nicht von dem industrialisierten Südafrika) vorwiegend Lehmhütten oder kleine Holzhüttchen in den ländlichen Gebieten, so sind es hier mehr zweistöckige, palmbedeckte Holzhäuschen mit schön geschnitztem Balkongeländer. Balkon? Ja, es gibt hier tatsächlich Balkone (meist blau) an den oft bunten gestrichenen Häusern. Wenn ich allerdings die zum Trocknen ausgebreitete Wäsche am Straßenrand oder über Sträucher liegen sehe oder die Kinder mit aus Holz oder Blech selbstgebastelten Autos zum Hinterherziehen spielen bzw. mit einem Ball, der aus Plastiktüten und einer Schnur zusammengebunden wurde, dann schmunzle ich, denn dann ist mein Bild von Afrika wieder hergestellt.

Aber nun zurück zu dem Waldstreifen, der die Küste vom Meer trennt. Hier wurde während der Kolonialzeit in 8-jähriger Bauzeit ein über 645km langer Kanal gebaut, der parallel zum Meer verläuft. Es wurden Seen und vorhandene Flüsse und Lagunen miteinander verbunden, um den längsten Kanal der Welt zu erschaffen, der sich durch eine Dünenlandschaft schlängelt. Allerdings sind heute nur noch 430km tatsächlich schiffbar, und dieser Transportweg wird auch rege genutzt.

Ankanin’Ny Nofy

Das Bush House und das Palmarium, beide in Ankanin’Ny Nofy gelegen sind unser zweiter Stopp nach dem privaten Vakona Park und dem staatlichen Andasibe Nationalpark.

Der private Vakona Park mit der gleichnamige Lodge eignet sich hervorragend für „hautnahe“ Begegnungen mit Varis, Bambuslemuren, Braunen Makis und einem Diademsifaka, der mit erhobenen Händen und 2-beinig aufrecht auf uns zu kommt. Sie leben dort auf einer Insel und kommen auf die Rufe der Führer aus dem Wald, um sich leckere Bananen als Belohnung abzuholen. Vorteil ist, dass man die kleinen Halbaffen hierbei nicht nur hervorragend in ihrer natürlichen Umgebung fotografieren, sondern auch das weiche Fell berühren kann. Und gibt man insbesondere den Varis selbst eine Banane, greifen sie nach unserer Hand, halten diese fest und ziehen sie ganz vorsichtig zu ihrem Gesicht, so dass sie die Banane mit dem Mund nehmen können. Ihre Berührung mit den langen, kühlen Händen ist einfach unbeschreiblich und eine Begegnung, die man nie wieder vergisst.

Weiter geht es in den staatlichen Andasibe-Mantadia Nationalpark (einem Zusammenschluß des ca. 810 ha großem Andasibe mit einem Orchideengarten und dem ca. 10.000 ha großem Mantadia Park), der mit 11 verschiedenen Lemurenarten einiges zu bieten hat. Mit einer staatlichen Führerin gehen wir auf die Suche nach den Halbaffen. Das Brüllen der Indris schallt durch den Wald und wir haben Glück und finden die sehr hübschen, fast teddybärhaften Baumbewohner, die monogam in Familienverbänden von 2 bis 15 Tieren leben. Sie kommunizieren durch lautes Brüllen und –Gesichtsausdrücke und ich muss schmunzeln, da die vorgestülpten Lippen aussehen, wie das Jaulen bei meinem Dackel.

Die schwarz-weißen Indris können sich auch auf dem Boden aufhalten und sich aufrecht mit hochgehaltenen Armen hüpfend vorwärts bewegen. In diesen Genuss kommen wir allerdings nicht, denn sie halten sich während unserem Besuch nur hoch oben in den Wipfeln auf, was das Filmen und Fotografieren zu einer schmerzhaften Angelegenheit für den Nacken werden lässt. Der Diademsifaka ist mit 7kg Körpergewicht eine der größten und für mich mit seinem rötlichen, schwarz-weißen Fell und dem hübschen Gesicht der schönste der Lemurenarten.

Nachts werden ebenfalls Wildbeobachtungen angeboten. Ausgerüstet mit einer guten Taschenlampe bestehen gute Möglichkeiten, die Lemuren am Leuchten der Augen im Licht der Lampen zu spotten. Außerdem gibt es hier über 76 Frosch- und etwa 40 Reptilienarten, wovon viele nachtaktiv sind.

Nun aber zurück zum Ankany’Ny Nofy, welches übersetzt „Das Nest der Träume“ heißt….

Sowohl das Bush House und das unweit entfernte Palmarium liegen an dem bereits erwähnten Pangalanes Kanal. Um hierher zu kommen, muss man bereits eine Stunde per Boot übersetzen. Aber es lohnt sich. Es erwartet uns eine Hügelkette aus bewaldeten Dünen in einer türkisgrünen Lagune mit Sandstrand. Das Palmarium ist, wie der Name schon sagt, ein Palmengarten mit über 100.000 Palmen und natürlich auch vielen anderen Bäumen, Sträuchern und vielen Orchideenarten. Wir bekommen eine kurze Einführung in wichtige Pflanzen, wie z.B. Vanille, die zu den Orchideenarten gehört und eine der wichtigsten Exportgüter ist, die gut duftende Kaffee-Pflanze und viele Pflanzen, die von den Einheimischen für medizinische Zwecke genutzt werden.

Wir treffen auf Chamäleons, Echsen und Geckos in sattem Grünton mit roten Punkten. Aber was natürlich alle interessiert, sind die Indris, die Braunen Lemuren und andere Makiarten sowie die süßen Bambuslemuren mit ihren Knopfaugen. Viele der Lemuren tragen Junge bei sich, was das Klicken der Kamera nicht zur Ruhe kommen lässt. Auch Schildkröten gibt es hier, die den Hibiskusblättern nicht abgeneigt sind.

Nach dem anschließenden hervorragenden Mittagessen im Bush House genießen einige von uns den Strand, die Hängematte auf der privaten Terrasse oder das warme Wasser der Lagune vor der Haustüre.

Meiner Begleiterin und mir ist es nicht nach Relaxen und so fragen wir Gogus, einen ambitionierten jungen madagassischen Guide, der abends sogar zur Unterhaltung der Gäste sehr schöne Gitarre spielt und singt, nach Wanderwegen und bekommen eine umfangreiche Wanderkarte mit Erklärungen (allerdings auf französisch). Da wir uns nicht entscheiden können, gehen wir erst einmal los und finden uns kurze Zeit später nach anstrengendem Bergauf auf einem herrlichen Hochplateau mit 360° Rund-um-Blick wieder. Wir genießen die Szenerie von der Dachterrasse eines nicht mehr genutzten Chalets aus, welches – wie wir später erfahren – als Honeymoon Chalet ursprünglich erbaut wurde, doch den Gästen war der Weg in den Hauptbereich zu lang. Schade, denn es liegt phantastisch in vollkommener Abgeschiedenheit. Der Blick über Seen, Lagunen, Wälder und Meer bringt uns auf die Idee, dass wir hier unseren Sundowner (Getränk zum Sonnenuntergang) einnehmen wollen und Gogus organisiert das gerne für uns und unsere inzwischen relaxten Mitreisenden.

Wir alle genießen später das Farbenspiel der glutroten Sonne, grüner Vegetation und die in unterschiedlichen blauen Farbtönen leuchtenden Gewässer. Und alle sind sich einig, dass man hier mehr Zeit für wunderschöne Wanderungen einplanen sollte. Doch gerade diese haben wir nicht, wollen wir mehr von dieser kontrastreichen Insel erleben.

Und so geht es am frühen Morgen knapp drei Stunden auf dem Pangalanes Kanal, der rege als Verkehrsweg genutzt wird, mit dem Boot nach Tamatave, einer Hafenstadt, die touristisch nicht allzu viel zu bieten hat. Die Fahrt dorthin ist allerdings spannend: kleine Fischerdörfer, schöne Vegetation, malerische Landschaften und immer wieder Transportboote – meist kleine Dugout Canoes (aus einem Holzstamm gehauen), die bis obenhin mit Holz, Kohle und Schilf nur noch aus dem Wasser schauen oder die vielen Taxiboote, sowie Fischer mit ihren Netzen und Reusen und Frauen, die im Wasser waten.

Von Tamatave fliegen wir nach Maroantsetra (sprich: Maronsetsch) und schon die Landepiste umgeben von kleinen Holzhäusern, herumflatternden Hühnern und Ziegen sowie Zeburinder, die das Gras am Flughafen kurz halten, ist abenteuerlich. Hier an diesen Ort kann man nicht mit dem Fahrzeug gelangen, denn Straßen gibt es hierher nicht. Und genauso sehen die alten, klapprigen Fahrzeuge, die übrigens alle französischen Fabrikats sind, auch aus. Also fahren wir mit zwei Renaults, bei denen man wie im Zeichentrickfilm der Familie Feuerstein bald mitlaufen kann, weil das Bodenblech (und nicht nur das) große Löcher aufweist, zu unserem Hotel: dem Relais du Masoala, nach der gleichnamigen Halbinsel benannt, die die Bucht von Antongil umschießt. Das Reservat von Masoala ist 230.000 ha groß und besteht bereits seit 1927. Das regenreichste Gebiet Madagaskars (ca. 330 Regentage im Jahr) beheimatet die größte Anzahl noch unklassifizierter Arten in Madagaskar.

Kaum angekommen und im schönen Hotel einquartiert unternehmen wir einen spannenden Ausflug per Boot durch die Stadt und weiter auf dem Kanal entlang nach Farakarina, einem erst kürzlich angelegten Naturpark mit vielen Vögeln und Fröschen und endemischen Pflanzenarten, die zum Teil noch nicht einmal wissenschaftlich erfasst sind.

Nach einer Erkundungstour gibt es ein ordentliches Picknick auf Decken und wir genießen die servierte Hausmannskost, die die mitgeführte Köchin auf unserer Entdeckungstour zubereitet hat. Zurück auf dem Kanal halten wir mit unserem Boot an Fischerdörfern und bekommen einen Einblick in das einfache Dorfleben. 

Alle Menschen hier sind extrem freundlich. Es lächeln uns alle an, egal ob die Frauen und Kinder im Dorf, die Fischer in ihren abenteuerlichen Nussschalen, die teilweise sogar ein Segel besitzen, welches den Eindruck macht, direkt aus dem Bett (Leintuch) auf das Boot aufgezogen zu sein, und die Zimmerer, die die Häuser bauen. Hühner scharren am Ufer und Hausenten plantschen im Kanal.

„Nein, die sind nicht zum Essen, sondern werden zu Weihnachten in die Stadt verkauft“, meint unser Guide. Wir besuchen die Stadt Maroantsetra, mehr oder wenig unfreiwillig, um das Gepäck unserer Mitreisenden wiederzuerlangen, welches auf dem Flug abhanden ging. Wir bereuen es nicht, denn auf den Märkten begrüßen uns die Einheimischen mit lautem Hallo, wir erleben viele Menschen beim Besuch der Kirche und unser Guide zeigt uns den von uns heiß begehrten Tomatenfrosch, der seinen Namen alle Ehre macht. Ein junges Mädchen lacht, als wir uns alle über das dicke, rote Etwas im Abwassergraben beugen. Was sie wohl denkt?

Die Einwohner Madagaskars leben hauptsächlich von Reis und den gibt es morgens, mittags und abends. Manchmal süß, aber meist mit Gemüse oder Fisch und zu besonderen Gelegenheiten auch schon mal mit Hühnchen oder Zeburind. Was in Afrika das Milipap (Maismehlbrei) ist, ist hier der Reis. Insofern wirkt das ganze Land sehr grün, denn die Reisfelder sind fast überall vor den Städten und Dörfern zu finden. Selbst mitten in der Hauptstadt Antananarivo gibt es unzählige Reisfelder in den Ebenen während die Häuser an die Hügel gebaut sind.

Wir unternehmen in den folgenden Tagen Bootsausflüge zur interessanten Masoala Halbinsel, und der extrem spannenden kleinen Insel Nosy Mangabe. Diese großen Schutzgebiete erhalten nicht nur die letzten 16% tropischen ursprünglichen Regenwälder, sondern auch viele Lemurenarten, Chamäleons (darunter das noch nicht einmal fingerlange Zwergchamäleon, welches das Kleinste der Welt ist und locker in einer Streichholzschachtel Platz hat), die endemischen nachtaktiven Blattschwanzgeckos, die man tagsüber kaum von den Rinden der Bäume unterscheiden kann.

Die Insel Nosy Mangabe zeichnet sich vor allem durch die noch größte Population von Fingertieren (Aye-Aye) aus. Einige wenige Tiere wurden hier 1960 ausgesetzt, um die Letzten dieser Art vor dem Aussterben zu retten. Blattschwanzgeckos, Frösche, Chamäleons, seltene Mausmakis und andere Lemurenarten sowie über 2.000 Pflanzenarten haben hier ihre Heimat. Viele Arten der Fauna und Flora die hier vorkommen sind noch unerforscht. Nosy Mangabe hat keine feste Unterkunft und so begnügen wir uns mit kleinen Zelten, die für uns in der Nähe des Strands errichtet werden. Toiletten und Duschen sind vorhanden.

Wir haben Glück und erwischen vermutlich den einzigen ganztägigen Sonnentag (wenn Engel reisen…) im Jahr und gehen voller Begeisterung auf einen, der zahlreichen Wanderwege der Insel. Wir helfen den professionellen Guides auf der Suche nach dem Zwergchamäleon, auch wenn wir nicht recht wissen, nach was wir eigentlich suchen müssen. Einer unserer Guides findet es, und in der Tat glauben wir alle nicht daran, es selbst entdeckt haben zu können: Es ist braun, lebt meist unter den Blättern auf der Erde und ist mit eingerolltem Schwanz gerade einmal so groß, wie ein Fingernagel. Wir sehen natürlich auch die Braunen Lemuren und Varis und folgen den Rufen weiterer Lemuren.

Wir besuchen die Begräbnisstätte der Betsimisaraky in einer natürlichen Felsgrotte und erfahren einiges über den Ahnenkult. Der Ahnenkult wird hier auf Madagaskar groß geschrieben und es lohnt, den vielen spannenden Geschichten der Guides zu lauschen. Jede Region hat Ihre eigene Art, diesen zu zelebrieren. Nach dem Abendessen machen wir uns wieder auf Pirsch. Was es hier alles zu entdecken gibt, ist eine wirklich spannende Angelegenheit: Wir treffen auf die Blattschwanzgeckos, die tagsüber nur schwer von den Rinden der Bäume zu unterscheiden sind, nachts aber mit ihren großen, im Licht der Taschenlampen leuchtenden Augen sehr gut auszumachen sind. Einige sind beim Liebesspiel und wieder andere warten auf Beute.

Unser Guide erklärt uns etwas und fuchtelt mit seinem Zeigefinger vor dem Gecko herum. Dieser schaut faszinierend dem Finger nach und überlegt wohl kurz, ob dies Beute sein könnte. Nein, unser Guide hat keine Angst vor einem Gecko, bis…ja, das alles geht sekundenschnell: Eine Krabbe kommt vorbei, der Gecko stürzt vom Baum und in Sekundenbruchteile sieht man nur noch ein Bein und eine Schere aus dem Maul des Geckos ragen.

Unserem Guide bleibt der Mund offen stehen und wir lachen: „Stell Dir vor, was mit Deinem Finger passiert wäre, wenn der Gecko nicht die Krabbe entdeckt hätte…“. Nein, unser Guide wird nie wieder so unvorsichtig sein.

Auf unseren weiteren Erkundungen entdecken wir oft die Mausmakis, die kleinsten Lemuren. Aber auch 2 Schlangenarten (auf Madagaskar gibt es nur ungefährliche Arten), viele Frösche, Schnecken, Eulen und andere nachtaktive Vögel. Das ganze ist so spannend, dass meine Begleiterin und ich mit dem Guide noch bis Mitternacht wandern, während die anderen alle bereits um 21h zurück in ihr Bett gegangen sind. Am anderen Morgen gehen einige von uns in dem klaren Pool des natürlichen Wasserfalls baden und wir anderen schwimmen im Meer, bevor es per Boot wieder zurück in unser feudales Quartier in Maroantsetra geht.

Und für mich steht fest: Nosy Mangabe ist eines der lohnenswertesten Ziele auf Madagaskar.

Antsirabe

Die RN 7, oder auch „der Highway in den Süden“, windet sich durch die sanften Ebenen des Hochlandes, während die tief stehende Sonne die schmalen, 2-stöckigen Lehmhäuser, die stets die gleiche Farbe haben, wie die umgebende Erde, in ein weiches Licht taucht und beste Fotomotive liefert. Ziel ist am heutigen Abend die ca. 150km entfernte Provinzhauptstadt Antsirabe, welche wir nach 4-stündiger Fahrt erreichen.

Die unerwartete Kühle des abendlich-verschlafenen Städtchens schlägt uns angenehm entgegen. Es ist Frühling im zentralen Hochland und eine dünne, wärmende Jacke in den Morgen- und Abendstunden ist unerläßlich. Die Temperaturen sinken in der Nacht in den einstelligen Bereich und so verwundert es eher weniger, dass nicht kälte-resistente Madagassen nur in Daunenjacken und Handschuhen anzutreffen sind. 
      
Unser Quartier für die heutige Nacht ist das freundlich eingerichtete Gästehaus „Le Trianon“, dessen zigarrerauchender Besitzer, ein „Exilfranzose“, uns bis in den späten Abend mit Klängen seines Keyboards typisch französische Chansons zum Besten gibt.

Der frühe Morgen beginnt mit einem typisch französischen Frühstück aus warmen Buttercroissants mit Marmelade und einem großen Milchkaffee, wie fast überall hier. Kulinarisch ist Madagaskar sehr stark französich geprägt mit einem Hauch madagassisch. Als Vegetarier muss man allerdings schon fragen, wenn man das vorwiegend von den Einheimschen gegessene Linsengericht oder Dahlgerichte mit Reis erhalten will, denn Touristen will man ja schließlich etwas Besonderes bieten.

Was viele Orte in Madagaskar so besonders macht, erkennen wir auch hier: Unzählige Rikschas, hier Pousse Pousse genannt, scheinen die Gesetze der Straße in Antsirabe für sich neu erfunden zu haben. Laut rufend und lachend laufen Rikschafahrer mit ihren Passagieren (Mütter mit Kindern, Schulkinder oder Berufstätige) durch die Stadt und bilden mit dem morgendlichen chaotischen Verkehr ein für uns ungewöhnliches, jedoch witziges Bild. 

Entlang der Rue d’Independance fahren wir bequem in unserem klimatisierten Fahrzeug durch die koloniale Altstadt. Es scheint, als wäre dieser verschlafene Ort mit seinem kolonialen Bahnhof schon in Vergessenheit geraten. Dennoch träumt hier jeder noch von der Zeit, als Antsirabe noch das Vichy des Landes war. In dem einst florierenden Thermalzentrum Madagaskars besuchen wir das koloniale und von seiner Architektur auf Madagaskar einzigartige „Hotel des Thermes“, welches sicherlich schon bessere Zeiten gesehen hat.

Eine nicht-asphaltierte Straße führt uns zu einem kleinen Haus im Hinterhof, wo wir madagassische Handwerkskunst erklärt bekommen. Diese besteht darin, aus unterschiedlichsten Abfallmaterialien, wie medizinische Gummischläuche, Blechdosen, Angelsehnen oder auch Kabelisolierungen kunstvolle und detailgetreu Fahrräder, Citröen-Enten und viele weitere Fortbewegungsmittel zu fertigen. Es erstaunt uns alle, als wir sehen mit welcher Schnelligkeit ein solches Fahrrad hergestellt wird. So kann man sich in einer 1L-PET-Flasche gut verpackte Souvenirs für die Liebsten daheim mitnehmen und hat eine zugleich unkopierbare Handwerkskunst erworben. 

Aber das ist nicht das einzige, was Antsirabe andenkenmäßig zu bieten hat. Es gibt hier unzählige Halbedelsteine. Geologisch besteht Madagaskar aus einem kristallinen Grundgebirge. Viele Steine, die heute an der Oberfläche zu finden sind, sind über drei Milliarden Jahre alt.

Beryll, Amethyst und seltene Minerale wie Monazit und Strüverit, Korund, Topas, Zirkon, Turmalin, Spinell, Granat, diverse Quarze wie Amethyst und Rosenquarz, aber auch Smaragd, Rubin und eine einmalige Vielfalt von Saphiren in den Farben rosa, grün und blau sind hier vorzufinden. In einer kleinen Schmuckverarbeitungsfabrik werden uns die Art der Verarbeitung, die verschiedenen Rohstoffe und die fertigen Schmuckstücke gezeigt. Im Hinterhof darf sich jeder aus einem riesigen Haufen einige „Abfallprodukte“ der Schmuckherstellung (ungeschliffene Halbedelsteine in allen möglichen Formen und Farben) mitnehmen. 

Hochland und Ambositra

Im südlichen zentralen Hochland in der Gegend von Fianarantsoa, der Gebiets-Hauptstadt, bis Ambositra, lebt der bedeutende Volksstamm der Betsileo, die ca. 13% der madagassischen Bevölkerung ausmachen. Der terrassenartige Reisanbau des Hochlandes, umgeben von roten Lehmhäusern und Nadelhölzern ist wo widersprüchlich und erinnert immer stärker an eine Art chinesische Toskana.

Wir bewundern die Lehm- und Erdhäuser, die sich hervorragend in die Landschaft integrieren, ohne störend zu wirken und welche phantastische Fotomotive im weichen Nachmittagslicht bieten. Als Baumaterial für die Häuser dient seit jeher das, was die Natur hergibt. Die Bauern des Hochlandes, die den lehmigen Boden bewirtschaften, brennen Lehmziegel oder benutzen den Lehm selbst, mit Stroh vermischt, um ihre Behausungen zu errichten (Erdhäuser). Das Dach wird oft mit Grasstroh oder Holz gedeckt. Übrigens wurden bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in ganz Madagaskar nur pflanzliche Ausgangsstoffe (Holz, Palmfasern, Blätter) oder Lehm als Baumaterialien verwendet. Danach wurden auch Steine, die vorher ausschließlich den Grabbauten vorbehalten waren, für den Hausbau verwendet. 

Eine ganz besondere Bedeutung kommt der Ausrichtung des traditionellen madagassischen Hauses zu: der Giebel verläuft bevorzugt in Nord-Süd-Richtung. Diese Richtung gilt als die Achse der Macht, während die Ost-West-Richtung als unglückbringend gilt. Diese Ausrichtung gibt den alten Ansiedlungen durch die parallele Ausrichtung der Häuser einen geplant geordneten Eindruck. Außerdem fungiert das Haus gewissermaßen Sonnenuhr. Wenn Sonnenstrahlen am Nachmittag durch Türen und Fenster ins Haus fallen und dort bestimmte Gegenstände berühren, dann kann man daran die Uhrzeit ablesen.

Einen Kamin besitzen die Häuser nicht, obwohl sich die Feuerstelle innerhalb des Hauses auf der westlichen Seite befindet. Der Rauch zieht durch Fenster und Türen ab. Der Grad der Schwärze der Innenwände bilden einen stolzen Hinweis auf einen bereits seit langer Zeit bestehenden Haushalt; sie werden nie entfernt.

Die Bewohner leben mit ihren Zeburindern, Hühnern und sonstigem Vieh oftmals unter einem Dach. Die Rinder übernachten im Erdgeschoß neben oder selbst im Wohnzimmer, während die Hühner im Obergeschoß, wo auch die Küche und das Schlafzimmer liegen, umherlaufen.

Ambositra wurde vor allem wegen seiner filigranen Holzschnitzereien der Zafimaniry im Jahre 2003 zum Unesco Weltkulturerbe ernannt. Auf dem lokalen Markt wissen wir gar nicht, für welches Fotomotiv wir uns zuerst entscheiden sollen. Bunte Früchte und Gemüse sowie geruchsvolle, exotische Gewürze erwecken unsere Aufmerksamkeit. Wir blicken in große Kinderaugen und fremde Gesichter, aber überall sind die Menschen äußerst zuvorkommend und gleichermaßen erstaunt über die Fremden inmitten ihres Alltagstrotts. Mit Händen und Füßen verständigen wir uns, lachen viel und machen hübsche Porträtaufnahmen der so unterschiedlichen Gesichter. Wir fragen immer höflich, und viele Einwohner möchten mit aufs Bild.

Ranomafana

Durch Reisterassen und sich abwechselnden roten oder gelben hügeligen Ketten windet sich die Straße weiter südwärts, so daß wir 5 Stunden später den Kurort Ranomafana im gleichnamigen Bergmassiv erreichen. Die letzte Strecke scheint seit einiger Zeit neu asphaltiert zu sein, erklärt uns Avotra, unser Guide. Er meint früher hätte man für dieses schlechte Stück Piste bedeutend länger gebraucht um in den Park zu gelangen  - worüber wir zu diesem Zeitpunkt äußerst dankbar sind. 

Die Vegetation verwandelt sich scheinbar plötzlich in einen üppigen Regenwald und das Tal wird von einem Gebirgsfluss mit zahlreichen Kaskaden durchquert. Der Ranomafana Park ist ca. 25 km breit und beheimatet Orchideen, goldene Bambuslemuren und weitere 11 Lemurenarten, sowie auch diverse Vögel und Reptilien und das Fossa, einem nachtaktiven Raubtier (das größte auf Madagaskar), welches ein hundeähnliches Erscheinungsbild hat und so groß wie eine Katze ist. 

Führungen und der Eintritt in den staatlichen Park sind nur mit entsprechendem Führer der ANGAP möglich. Für eine abendliche Wanderung benötigen wir feste Wanderschuhe und eine Taschenlampe. Auf einem zentralen Punkt auf dem Berg beobachten wir die nachtaktiven und scheue Mauslemuren beim Fressen des Bambus. Das scheue, nachtaktive Fossa bekommen wir dieses Mal leider nicht zu sehen.

Am anderen Morgen beginnt schon früh die Wanderung im Ranomafana Nationalpark. Es werden verschiedene Rundwege mit unterschiedlichen Schwierigkeiten angeboten. Wir entscheiden uns für einen 4-stündigen Rundgang und erspähen im dichten Blätterdach unter anderem den goldene Bambuslemuren sowie weitere Lemurenarten. Der Weg führt uns später zu einem Aussichtplateau, von welchem wir die gesamten Ausmaße des Parks und die Granitfelsen des Bergmassivs erblicken können.

In Fianarantsoa, dem früheren Anlaufpunkt christlicher Missionare und der zweitgrößten Stadt nach Antananarivo, erwartet uns im Tsara Guest House ein feudales 3-Gänge Menü ausgewählter Speisen. Nur wenige Kilometer entfernt von Fianarantsoa liegen die wichtigsten Weinanbaugebiete Madagaskars und in der Nähe der Ortschaft Sahambavy wird Tee angebaut. Kaum merklich führt uns der Weg nach oben und windet sich entlang des mächtigen Andringitra Massifs durch das unwirkliche Horombe Plateau. Das Andringitra-Massif, eine Bergregion mit dem Granitgipfel Pic Boby (2.568 m) als höchster Erhebung des Südens, liegt im gleichnamigen Naturschutzgebiet von Andringitra, ist zwischen 650 und 2.658 m hoch und lädt zum Wandern ein. Außerdem erwarten Sie hier 14 Lemurenarten, nahezu 100 Vogelarten, 5 Fossa-Arten und Tenreks (madagassische Igelart) sowie zahlreiche Lemuren.

Im Ort Ambalavao, einem kleinen Dorf mit kriegerischer Vergangenheit (hier fanden im 19. Jahrhundert Auseinandersetzungen zwischen Bara, Betsileo und später auch den Merina um die Vorherrschaft in der Region statt) kann man traditionelle Handwerkskunst im Form von Herstellung handgeschöpften Papieres bewundern, welches aus den Rinden des Havoa-Strauches hergestellt wird.

Isalo Gebirge

Hat jemand schon einmal „Nichts“ erlebt. Bei meinen unzähligen Reisen durch Afrika und insbesondere durch die kargen, stundenlangen Einöden Namibias habe ich immer geglaubt, ich wüsste, was „Nichts“ ist. Ich habe mich geirrt. Unser Fahrer erzählt uns auf der Weiterreise, daß wir gleich durch „Nichts“ fahren. Ich frage ihn, wie er es meint und schließe aus den Erzählungen, daß es sich um eine weitläufige Ebene handeln muss, die früher noch nicht einmal asphaltiert war und für die man früher 3-4 Std. benötigt hat. In der Tat durchqueren wir ein flaches Gelände, auf dem es „nichts“ gibt.

Keine Bäume, keine Sträucher, keine Hügel oder Täler, noch nicht einmal Furchen, keine Tiere, keine Vögel und selbst keine Steine. Soviel „Nichts“ hatte ich nicht erwartet. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Stimmung fasziniert oder deprimiert ist, weil ich denke, selbst auf dem Mond dürfte es spannender sein. Eine tief stehende, glutrote Sonne hinter einem filigranen Wolkennetz über dem dunstigen Horizont des Plateaus entlohnt für die lange Fahrt. Noch lange scheint diese Gegend unwirklich und in violettes Licht getaucht bis der Mond aufgeht und die Nacht hereinbricht. Und so bin ich froh, als wir nach einer guten Stunde "Licht am Horizont“ in Form einer gewaltigen Felsformation, die sich, soweit man sehen kann, komplett von links nach rechts zieht. Aus dem „Nichts“ kommend ist ein Bergmassiv besonders eindrucksvoll.

Das Relais de la Reine liegt eingebaut in die bizarren Felsformationen des Isalo Massivs. Hier genießen wir die „Haute Cuisine“ und den außerordentlich guten Service. Um die Annehmlichkeiten des Relais genießen zu können, entscheiden wir uns gemeinsam, nur am Vormittag eine geführte Tour in den Isalo Nationalpark zu unternehmen. Mit unserem Fahrzeug geht es auf unbefestigter Piste, vorbei an wäschewaschenden, madagassischen Frauen. Einige junge Frauen der hier lebenden Bara haben gelblich bemalte Gesichter – ein Zeichen, dass sie noch unverheiratet sind. 

Der Isalo Nationalpark ist ca. 81.500km² groß und besteht zum größten Teil aus erodierten Sandstein, welches von tiefen Canyons durchzogen wird. Das Massiv speichert Wasser für die gesamte Region und so haben sich im Laufe der Zeit zahlreiche Tier- und Pflanzenarten angesiedelt. Vor allem an die Trockenzeit angepasste Pflanzen, wie die Aloe, kommen hier in allen Formen vor. Das Klima ist trocken und heiß und so flimmert die Luft am späten Vormittag bis wir endlich in den Canyon gelangen und Schutz unter bizarren Felsformationen vor der gnadenlos herunterbrennenden Sonne suchen können. Wir wandern durch flache Bäche, über Sandsteinfelsen und gelangen zu den Nymphenkaskaden, einem kleinen Wasserfall, welcher in ein natürliches, türkisfarbenes Schwimmbecken mündet. Etwas abseits befindet sich das schwarze Schwimmbecken, ein tieferes Wasserbecken. Wir machen Pause und beobachten das Treiben der handzahmen Makis, die keine Scheu mehr vor Menschen haben. Auf dem Rückweg finden wir, was wir bereits lang erwartet haben: Lange, weiß-schwarze Ringelschwänze hängen faul von den Baumwipfeln herab und zeigen, dass sich eine Familie von Kattalemuren hier zur Mittagsruhe begeben hat. Müde blinzeln uns die bernsteinfarbenen Augen an und scheinen amüsiert über die menschliche Aufmerksamkeit, die ihnen heute wieder zuteil wird. Nachdem wir auch die letzten Ringelschwänze vor die Linse bekommen haben geht es zurück durch die trocken-heiße Graslandschaft zum Parkplatz. 

Nach einem phantastischen Mittagessen freuen wir uns über einen freien Nachmittag, welcher zum Faulenzen am Pool und zum Besuch eines ganz besonderen Spa- Bereichs genutzt wird. Am Abend steht wieder französische Cuisine ganz oben auf der Liste.

Tulear, Ifaty und der Südwesten

Die Fahrt führt uns vorbei an der Edelsteinfundstätte von Ilakaka, wo der gleichnamige Fluss seit einigen Jahren bedeutende Saphirfunde zu Tage bringt. Ein regelrechter Saphirrausch ließ mitten in diesem Gebiet eine Stadt entstehen – der Ort ist neuesten Erkenntnissen zu folge die bedeutendste Saphirlagerstätte der Erde! 

Vorbei an vereinzelt aus dem Boden ragenden Baobabs und durch Trockensteppen erreichen wir nach ca. 4 Stunden Autofahrt die Provinzhauptstadt Tuléar. Auch hier treffen wir wieder auf die bunten Rikschas. Aber dies ist nicht unser Ziel. Der Bade- und Schnorchelort Ifaty, 27 km nördlich von Tuléar, hat sich in den letzten Jahren in eine attraktive Strand- und Erholungsdestination entwickelt. Aber zunächst kann auf der schlechten Straße, welche immer wieder durch Erosion und Versandung abgetragen wird, nicht die Rede von Erholung sein.

Etwas durchgeschüttelt erreichen wir unseren letzten Höhepunkt der Reise. Das Dunes D’Ifaty überzeugt durch einen einladenden Lounge- und Eingangsbereich in welchen der obligatorische Begrüßungscocktail alle Strapazen der Fahrt schnell wieder vergessen lässt. Aber auch die Bungalows sind einer 4-Sterne Lodge würdig. Die letzten Tage genießen wir faul am Pool und dem unglaublichen feinen Sandstrand, der wie nasses Mehl unter den Füßen quietscht, gehen schnorcheln, baden, schwimmen und genießen die leckeren Cocktails im Herzen Madagaskars.

In Stuttgart erwartet uns nach dem Rückflug herbstliches Wetter und ich frage mich, wann die Blätter sich wohl rot gefärbt haben und wir alle träumen noch lange von der einzigartigen Insel….

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