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Goldene Wüste und wildes Damaraland

Goldene Wüste und wildes Damaraland

Großartige Landschaften und Wildbeobachtungen

Weit, golden, hart und doch weich, romantisch, steinig und unfassbar schön liegt die riesige Ebene vor mir. Zu meiner Linken schroffe, felsige Hügel, zur Rechten das orange-goldene Dünenmeer der Namib Wüste und direkt vor mir die Abendsonne Afrikas!

Ich blicke über die mit trockenem Gras bestandene Weite des Kulala Schutzgebietes und frage mich was die ersten europäischen „Besucher“ dieses Gebietes hier empfunden haben: Ohne kühlen Sundowner in der Hand, geländegängigen Landrover unter dem Gesäß und der Gewissheit, dass in der nahegelegenen angenehm-luxuriösen Wüstenunterkunft bereits ein schmackhaftes Abendessen bereitet wird.

Was für ein unfassbares Gefühl

Ich bin da! Ich bin in Namibia!!!

Es war ein heißer und jetzt, zum Ende der Trockenzeit, sehr staubiger Tag, der uns von Mariental am Rande der Kalahari, über die Maltahöhe und den Zarispass nach Sesriem und in das Wildschutzgebiet Kulala geführt hat.

Die Reise ab Mariental war zunächst sehr angenehm auf asphaltierter Straße und in gleichmäßiger Landschaft. Ab Maltahöhe änderte sich das schlagartig und die Reise über die typische namibische Pad, die staubige Schotterpiste hatte begonnen. Genauso wie die Straße änderte sich bald auch die Landschaft und ab dem Zaris-Pass, an dem die Landschaft nach Westen hin spektakulär abfällt, hatten wir viel Spaß: Erst einmal das Mietfahrzeug „richtig“ kennenlernen, schauen wie es sich beim Bremsen auf losem Schotter verhält, was können die Reifen des Allradfahrzeugs und in welchem Gang fahre ich am besten eine Kurvenstrecke mit 20% Gefälle?

Nach kurzer Zeit ist klar: das Fahrzeug ist gut, fast neu und sicher, selbst ein mäßig allraderfahrener europäischer Asphaltcowboy kommt hier problemlos durch!

Der Weg hinunter in Richtung  Sesriem und des Sossusvlei führt durch ein wildes, zerklüftetes Canyon Land, das von zahlreichen „Rivieren“, den Trockenflussbetten durchzogen wird. Die Landschaft schimmert zunächst richtig grün – bin ich nicht in einer der trockensten Regionen Afrikas mit durchschnittlich nur 20mm Niederschlag? Richtig, erklärt mir meine Reisebegleitung, aber es gab in der ersten Jahreshälfte so ungewöhnlich viel Niederschlag, dass selbst das 65 Kilometer tief in der Dünenwüste Namib liegende Sossusvlei noch mit Wasser gefüllt sei.

Diese Niederschläge erklären auch warum die gesamte üblicherweise sehr harsche Steinlandschaft auf dem Weg nach Sesriem in diesem Jahr ein friedlich wogendes goldenes Grasmeer ist.

Das berühmte Sossusvlei – nach einer erholsamen Nacht, die ich auf dem Dach meiner Unterkunft, direkt unter dem grandiosen Sternenhimmel verbracht habe (die Mitarbeiter der schönen Kulala Desert Lodge haben mir auf meinen Wunsch hin ein Bett auf der kleinen Dachterrasse bereitet), geht es hinein in die fast etwas unwirklich scheinende Dünenwelt.

Schon die ersten Dünen sind bis zu 200 Meter hohe, vom ständigen Wind scharf geschnittene Kämme, die sich von Norden nach Süden ziehen. Im Licht der aufgehenden Sonne leuchten sie in den verschiedensten Rottönen und das Zusammenspiel von Licht und Schatten verleiht den Sandbergen perfekte Konturen. 

Frühsport! Im Trippelschritt kämpfen wir uns die Dune 45, die 45. Düne seit Eingang des Park hinauf. Ein Schritt hoch, mindestens ein halber Schritt zurück. Gegenverkehr: ein Schritt zur Seite und das bedeutet mindestens auch zwei Schritte nach unten. Ich schaffe das! Ich kämpfe und schnaufe und dann…bin ich oben!!!

Der Gipfel, der Kamm, ich bin ein Held und das was ich sehe…ist einfach atemberaubend: Dünen bis zum Horizont, Sterndünen, die wärmer werdende Sonne, der verblassende Mond am tiefblauen Himmel, ein Toktokkie-Käfer der Kopf-nach-unten im Sand steht und so ein wenig der Luftfeuchtigkeit erntet, das breite Rivier am Fuß der Düne. Am Horizont ein erster Heißluftballon, der von Osten über das Sossusvlei schwebt und seinen Fluggästen die perfekte Vogelperspektive ermöglicht.

Ich habe mich erholt, muss wieder los, aber nicht den gleichen Weg wie hinauf! Ich verpacke meine Kamera und springe seitlich die Riesendüne herab. Sand löst sich hinter mir, ich muss wieder springen, renne nun, hüpfe, taumle, überschlage mich, nutze den Schwung und renne weiter, fast fliege ich… und komme leider schon unten an.  Zu steil, um das zu wiederholen!

Weiter geht es nach Westen, tiefer in die Wüste hinein. Das Rivier wird enger, man sieht, dass das Wasser, das sich über Jahrtausenden diesen Weg bahnte, hier die Kraft verloren hat. Schließlich erreichen wir den tiefsten Punkt, zu unserer Linken geht es zum Dead Vlei, berühmte und bekannte Salzpfanne mit seinen toten Bäumen. Zur Rechten liegt das Sossusvlei und tatsächlich, es hat Wasser!

Ob ich Big Daddy (die vermutlich mächtigste Düne hier) besteigen will? Eher nicht – ich genieße lieber die Stimmung. Unser Guide Edward versucht mir begreiflich zu machen wie der Wind über Jahrtausende hinweg den orange-roten Sand des Oranje Rivers, des etwa 500 Kilometer entfernten Grenzflusses zu Südafrika, hier abgeladen hat.  Und schließlich genieße ich ein leckeres frühes Mittagessen im Schatten der Kameldornbäume des Vleis und labe mich an einem eiskalten Windhoek Lager.

Im wilden Damaraland

Ich sitze am Lagerfeuer und genieße die Wärme und den Geruch, den das Holzfeuer ausstrahlt. Am vollkommen klaren Nachthimmel leuchten tausend Sterne und die Sichel des abnehmenden Mondes. Um uns herum zirpen die Zikaden und der Wind rauscht sanft durch die Blätter der Akazie hinter mir. Manchmal knackt es im Unterholz und ich drehe mich um und leuchte sicherheitshalber den Busch um unser Lager herum ab. 

Wir sind in einer der wildesten Gegenden Namibias, dem Wildschutzgebiet Palmwag im nördlichen Damaraland, das im modernen Namibia zur Kunene Region gehört. Das Schutzgebiet ist eines der ältesten in Namibia und feiert seit vielen Jahren große Erfolge im Tierschutz, vor allem im Schutz der vom Aussterben bedrohten Spitzmaulnashörner und der „Desert-adapted Elephants“, der Wüstenelefanten Namibias.

Außerdem leben hier große Zahlen an Giraffen, Zebras und Antilopen und – eine logische Folge – mit über 100 Löwen, Geparden, Leoparden und Hyänen ist hier  die mit Abstand größte Raubtierpopulation des Landes außerhalb des Etosha Nationalparks anzutreffen.

Die Bezeichnung „Damaraland“ wurde zunächst in der deutschen Kolonialzeit eingeführt und beschrieb das gesamte Siedlungsgebiet des Damaravolkes zwischen dem Brandbergmassiv im Süden, dem Kaokoveld im Norden und der Skelettküste im Westen. In der Zeit der südafrikanischen Apartheidverwaltung des früheren Südwestafrikas wurde aus diesem Siedlungsgebiet kurzerhand ein eigenständiges Homeland für die schwarze Bevölkerung geschaffen.

Da (kurz zusammengefasst) das Gebiet auf Grund seines Wüstenklimas und wegen des felsigen Untergrunds landwirtschaftlich nur begrenzt attraktiv ist und die weißen Herren es verpassten wirtschaftliche Alternativen zu schaffen, blieb in der Folge die Entwicklung des Region weitestgehend aus und die Bevölkerungszahlen blieben gering.

In touristischer Hinsicht und vor allem aus der Perspektive des Tierschutzes profitieren das Palmwag Schutzgebiet und die gesamte Region heute von der Abgeschiedenheit und der schwachen infrastrukturellen Entwicklung: Vor allem für Individualreisende und Selbstfahrer ist die Region ein absolutes Muss und ein Highlight ein jeder Namibiareise gerade auf Grund ihrer Wildheit und Ursprünglichkeit.

Beherzte Projekte wie das Palmwag Schutzgebiet schaffen es so, die ursprünglichen Tierpopulationen zu erhalten und gleichzeitig etwas zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der lokalen Bevölkerung beizutragen.

Das Damaraland und das Palmwag Schutzgebiet haben wir am Vortag von Swakopmund aus angesteuert. Nachdem wir am frühen Morgen die Wüstenstadt am Atlantik verlassen hatten, führte uns unser Weg zunächst entlang der Küstenpiste nach Norden. Dann ging es Landeinwärts an dem mächtigen Brandbergmassiv mit dem majestätischen Königstein, der mit rund 2.600 Metern höchsten Erhebung des Landes, vorbei.

Unsere nächste Station war Twyfelfontein, wo wir das einzige Weltkulturerbe Namibias bestaunen konnten: Petroglyphen, Felsgravuren oder auch Steinzeitgraffiti der Urbevölkerung der Region, der Khoisan. In mehreren tausend Darstellung haben die früheren nomadischen Bewohner der Region religiöse Rituale verewigt und Botschaften für andere Nomadengruppen hinterlassen und dabei ein herrliches Sammelsurium an Tier- und Landschaftsdarstellungen für die Nachwelt hinterlassen.

Weiter ging es über die nun immer holpriger werdende Schotterpiste nach Norden. Vorbei an immer weniger Hüttendörfern und durch eine immer gebirgigere Landschaft, erreichten wir schließlich den Veterinär-Checkpoint bei Palmwag. Nachdem ein freundlicher Polizist unser Auto nach Fleisch und Milchprodukten durchsucht hat, kamen wir endlich in der Palmwag Lodge, dem Startpunkt unserer Campingexkursion am nächsten Tag an, und lernten unsere Guides, Fahrer, Köche und Camp Meister für die nächsten beiden Tage kennen.

Nach einer erholsamen Nacht in der Lodge und einem herzhaften Frühstück geht es los. Wir lassen unseren Mietwagen in der Lodge und steigen mit Gepäck für zwei Tage in den Landrover, den die Guides bereits gepackt, betankt und abfahrtbereit haben. Auf dem Dach und im Laderaum – so werde ich später staunend feststellen – befinden sich nicht nur unsere Zelt, Feldbetten und Buschduschen, sondern auch eine komplette Campingküche und genug kalte Getränke und leckeres Essen für eine ganze Fußballmannschaft.

Wir fahren hinaus in die wilde, riesige Landschaft. Es geht durch weite Täler, die in diesem Jahr – eine absolute Ausnahme – mit goldenem Gras bewachsen sind und deren eigentlich trockenen Flussbetten selbst jetzt noch zahlreiche Wasserstellen aufweisen.

Am Horizont erheben sich die mächtigen, rostig-braunen Berghänge des Grootberg-Massivs. Ich staune über die große Zahl an fetten Oryxen, Giraffen, Zebras, Elefanten und Springböcken, die in den Ebenen und an den Wasserlöchern stehen. Eigentlich hatte ich in dieser Landschaft weniger Tiere, dafür mehr Felsen und Staub erwartet. Wahnsinn!

Nach zwei Stunden permanenter (!) Tierbeobachtung steuert Eric ein Trockenflussbett an, wo wir ein zweites Frühstück oder frühes Lunch einnehmen. Ich staune was unsere Guides alles an Ausrüstung hervorzaubern und schon nach wenigen Minuten sitze ich im Schatten einer Schirmakazie in einem gemütlichen Campingstuhl und genieße einen griechischen Salat, Sandwiches, Obstsalat und frischen Eistee.

Nach unserem Stopp geht es weiter durch dieses Paradies, entlang der Flussbetten, über Berghänge und durch zerklüftete Felslandschaften. Wir fahren einen Hang hinauf und fahren langsam um eine Bergkuppe und dann erlebe ich die spannendsten 15 Minuten meiner gesamten Reise:

Direkt vor uns, vielleicht 20 Meter von unserem Fahrzeug entfernt stehen eine Spitzmaulnashornkuh und ihr Kalb.

Eric schaltet sofort den Motor aus und bedeutet uns absolut still zu sein. Und die Tiere, sie stehen nicht sondern sie bewegen sich gemächlich auf uns zu und scheinen sich nicht durch uns stören zu lassen. Und das obwohl gerade Spitzmaulnashörner als extrem nervös und aggressiv gelten.

Da wird mir klar, dass die Tiere uns noch gar nicht bemerkt haben! Spitzmaulnashörner sind nahezu blind und der Wind bläst kräftig aus der Richtung der Tiere auf uns zu. Was für ein unglaubliches Gefühl, die mächtigen Tiere kommen immer näher.

Ich sitze links vorne auf dem Beifahrersitz, also am nächsten zu den Riesen. Mein Herz schlägt wie eine Trommel und ich frage mich wie die Kuh reagieren wird, wenn sie uns bemerkt… noch 15 Meter…

Ich kann mein Glück nicht fassen, dass ich diese fast ausgestorbenen Tiere in freier Wildbahn und aus so einer Nähe sehen kann. Ob das Horn mich durch die Beifahrertür erwischen würde? Ich wage es kaum zu atmen… Noch 12 Meter…

... und dann passiert es: Der Kühlschrank im Kofferraum springt an! Die Tiere schrecken auf, schnauben panisch (oder habe ich mir das eingebildet), scheuen und rennen in Panik davon.

Nach wenigen Metern stoppt die Kuh und dreht sich wieder zu uns um. Sie senkt den Kopf und startet einen Scheinangriff (obwohl ich diesem Moment sicher bin, dass das kein Scheinangriff ist und mich daher gedanklich schon auf dem Weg zur Rückbank befinde). Dann stoppt sie plötzlich und dreht ab. Eric raunt, dass die Tiere nicht wissen, mit was sie es zu tun haben.

Das Schauspiel wiederholt sich immer wieder. Die Kuh will ihr Junges schützen und  bringt immer mehr Distanz zwischen uns und das Kalb, während sie immer wieder die Angriffe durchführt und uns so vermeintlich zurückdrängt. Schließlich beendet Eric die Stresssituation für die Tiere und startet den Motor, worauf die Nashörner mit einer letzten wilden Flucht reagieren und ich anfange im Adrenalinrausch zu schwelgen.

Tatsächlich, so erklärt mir unser Guide später, habe während der ganzen Zeit keine wirkliche Gefahr für uns bestanden. Im schlimmsten Fall startet man den Motor des Fahrzeugs und vertreibt so die Tiere endgültig.

Wir fahren weiter und erreichen am Nachmittag einen wunderschönen Platz mitten im Nirgendwo des Schutzgebiets, wo Magnus unser Lager für die Nacht errichtet: Große Iglu Zelte mit Feldbett, Bettwäsche, Waschgelegenheit und Licht. Dazu eine Buschdusche und –Toilette, eine große Tafel für das Abendessen und eine gemütliche Feuerstelle für die Nacht.

Wir genießen vor der grandiosen Kulisse des Sonnenuntergangs unser Abendessen, das Eric und Magnus für uns zaubern. Eric erzählt uns Geschichten aus seiner langen Karriere als Guide und Naturschützer, Geschichten aus der Zeit der Befreiungskämpfe der Swapo und gibt uns viele Tipps für den Umgang mit möglichen großen und kleinen Besuchern in der Nacht.

Am Ende des Abends sitzen wir am Feuer, lassen unser Nashornerlebnis Revue passieren, genießen dabei ein Glas kühlen Weißwein und lauschen voller (Ent-)Spannung den Geräuschen der afrikanischen Wildnis um uns herum.

Meine Reise durch Namibia führte mich neben dem Aufenthalt im Sossusvlei und dem Abenteuer Damaraland zu weiteren Highlights wie dem berühmten Etosha, in das romantische Erongo-Gebirge, in das Küstenstädtchen Swakopmund am Atlantik, in die großartige Landschaft der Kalahari bei Mariental und in das Raubkatzenschutzgebiet Okonjima bei Otjiwarongo.

Ich durfte auf meiner Reise die Wüstenelefanten und Nashörner des Damaralandes, Löwen im Etosha, Leoparden und Geparden bei Otjiwarongo und zahllose Giraffen, Zebras und Antilopen erleben.

Ich konnte freundlich, positive und herzliche Menschen kennenlernen, die Ihr Land und Ihre jeweilige Unterkunft voranbringen wollten. Ich habe mir die Nase verbrannt und dabei eine großartige Zeit in diesem wunderschönen, unglaublich abwechslungsreich (trockenen) und riesengroß-menschenleeren Land verbracht.

Und irgendwo zwischen hier und dort habe ich begriffen was die Nachfahren der Siedler aus der deutschen Kolonialzeit in Ihrer Südwester-Hymne, Ihrer Liebeserklärung an Namibia meinen:

Und kommst du selber in unser Land
Und hast seine Weiten gesehen
Und hat unsre Sonne ins Herz dir gebrannt Dann kannst du nicht wieder gehen.
Und sollte man dich fragen:
Was hält dich denn hier fest?
Du könntest nur sagen:
Ich liebe Südwest!

Es stimmt! Dieses Land macht es allen schwer, den Tieren und den Menschen… aber es packt einen, es brennt sich Dir ins Herz und Du willst am Ende nicht mehr gehen. Weil Du es aber musst, weißt Du eines ganz genau: Eines Tages komme ich zurück nach Namibia!

Ihr Johannes Kwossek

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