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Die Vielfalt Madagaskars

Die Vielfalt Madagaskars

"Der achte Kontinent"

Ich sitze im Wohnzimmer der Familie eines Reisbauern in dem kleinen Dörfchen Anjozorobe etwa drei Stunden nördlich von Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars. Der Mann stellt mir seine Frau und seine zwei Töchter vor und zeigt mir stolz sein Haus, das im typischen Hochland-madagassischen Baustil aus gebrannten Lehmziegeln, Dung der Zebu-Rinder und Reisstroh erbaut wurde.

Das Haus ist dunkel, Strom gibt es in der gesamten Gegend nicht, und die Ostseite eines Hauses darf bei den Merina, dem Hochlandvolk des Inselkontinents, keine Fenster haben. Warum das so sei, frage ich meinen Guide Mamy. Der erklärt mir, dass der Osten den Merina heilig ist, da das Volk zum größten Teil von aus Malaysia eingewanderten Stämmen abstamme. Der Osten, also die Richtung aus der die Ahnen kamen, ist den Familienoberhäuptern vorbehalten und darf bei einem Haus nicht durch Fenster durchbrochen sein.

Der Ahnenkult, die Tradition, mystische Begräbnisrituale, die größtenteils unklare Herkunft der Stämme Madagaskars – ich habe zwar schon vor meiner Reise viel gehört und gelesen über dieses mir völlig fremde Land, bin aber vorsichtshalber einfach gespannt auf und offen für alles Neue!

Obwohl Madagaskar „nur“ etwa zwölf Flugstunden von Europa entfernt ist, ist es doch eines der am wenigsten bekannten und am seltensten in den (zumindest deutschen) Medien erwähnten Länder.

Das liegt zum Teil an der völlig isolierten Lage der von vielen als „sechster“ Kontinent bezeichneten Insel. Zum Teil aber auch einfach daran, dass Madagaskar bisher weder auf der wirtschaftlichen noch auf der touristischen Weltkarte wirklich in Erscheinung getreten ist. 

Mal abgesehen von den Franzosen, die auf Grund der Kolonialvergangenheit eine historische Verbindung mit Madagaskar haben, ist die Insel für die meisten Leute schlicht „das Land in dem der Pfeffer wächst“ und mit etwas Pech noch als DAS Land, in dem gigantische Urwaldflächen der Armut und Unwissenheit der Bevölkerung und somit dem radikalen Kahlschlag zu Opfer gefallen sind. – Beides stimmt; aber um zu erfahren, was Madagaskar sonst noch alles ist, bin ich hier hin gereist. Genau hier hin. In das Wohnzimmer des Reisebauern und seiner Familie.

Der Weg von Tana, „der Stadt“, wie Antananarivo von den Madagassen liebevoll genannt wird, führte mich am frühen Morgen zunächst in das ca. 40 Kilometer entfernt Ambohimanga. Der zum UNESCO Weltkulturerbe gehörende Königshügel von Ambohimanga ist eines der wichtigsten kulturellen Symbole der Madagassen. Von hier aus regierten bis Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Merinakönige, die durch Krieg und geschickte Bündnispolitik die gesamte Insel in einem großen Königreich geeint hatten. Antananarivo (wörtlich: die Stadt der Tausend (Soldaten)) war zum damaligen Zeitpunkt eine befestigte Garnison, die den Palast von Ambohimanga schützen sollte.

Heute ist Ambohimanga ein Anziehungspunkt für Besucher aus allen Teilen Madagaskars und gerade an diesem, meinem Besuchsmontag (einem Feiertag) die Kulisse für ein spontanes Volksfest, das die Besucher veranstalten. Der aus schwarzem Palisanderholz erbaute Königspalast und der von einem französischen Architekten erbaute Palast der Königin werden da fast zur Nebensache: Auf dem Vorplatz findet ein kunterbuntes madagassisches Karaoke statt, es wird gegrillt, getrunken, gelacht, gesungen und getanzt.
 

1. Madagaskar – Erkenntnis:

Madagaskar besteht aus (mindestens) 18 Volksgruppen, die sich durch Herkunft, Dialekt und Aussehen zum Teil sehr stark unterscheiden. Trotz dieser Unterschiede und dem in der Vergangenheit geringen Austausch zwischen den Volksgruppen gibt es wichtige Eigenschaften, die alle Volksgruppen teilen:

-    Der Ahnenkult – nicht nur, dass alle madagassischen Völker Ihre Ahnen verehren und ihnen je nach materiellen Möglichkeiten zum Teil prachtvolle Begräbnisstätten bauen. Auch wird praktisch das gesamte tägliche Leben in Madagaskar durch die Ahnen beeinflusst. Die althergebrachten Regeln werden selbst im modernen Antananarivo und von der größtenteils jungen Bevölkerung  respektiert. Vereinfacht gesagt: Es wird so gemacht, wie es schon immer gemacht wurde… Das Resultat ist, dass zum einen ältere Menschen mit viel Respekt behandelt werden und ihr Wort Gewicht hat, zum anderen sind jedoch auch sinnvolle Veränderungen nur sehr schwer durchzusetzen: Brandrodung war bei den Vorfahren gut, also ist es auch heute gut!

-    Madagassen sind extrem zurückhaltend und schüchtern, aber unglaublich höflich. Nachdem ich zu Beginn meiner Reise manchmal nicht wusste, wie ich mich richtig verhalten sollte, ist irgendwann der Groschen gefallen: Lächeln! Ein Lächeln von mir als „Vazaha“ – „Weißer“ und schon beginnt das Eis zu schmelzen. Dann wurde gelächelt, verbeugt, mehr gelächelt, der gegenseitige Respekt bekundet und Hände geschüttelt bis zum Abwinken…

-    Madagassen lassen es grundsätzlich langsam angehen. Da die Welt nun einmal so ist wie sie ist (und solange es so ist wie es auch bei den Ahnen gut war), lohnt es sich in den Augen der Madagassen nicht, zu eilen und hektisch zu sein. Dinge geschehen sehr langsam (in dieser Hinsicht ist Madagaskar extrem afrikanisch). Der Ausdruck „Moramora“ – „langsam“ oder „immer mit der Ruhe“ bestimmt das Leben und taucht überall auf: In der Werbung, als Straßenschild und im alltäglichen Wortschatz sowieso. Eine aus europäischer Perspektive etwas gewöhnungsbedürftige Eigenschaft, aber Madagaskar entschleunigt innerhalb von maximal 24 Stunden – versprochen!

Nach meinem Halt in Ambohimanga geht es weiter durch die malerisch schöne Landschaft des zentralen Hochlandes. Unendlich viele Reiseterrassen, die sich aus den Tälern die kahlen Hänge hinaufziehen bestimmen das Landschaftsbild. Wenn ich nicht wüsste, dass es Madagaskar ist, ich würde Stein und Bein schwören, dass ich in einem asiatischen Land bin. Auch den Gesichtern der Menschen, praktisch jeder arbeitet hier als Reisbauer, sieht man deutlich die südost-asiatischen Einflüsse an. Die Häuser der Reisbauern leuchten im Sonnenlicht in den unterschiedlichsten Rot- und Brauntönen und gemütliche Zebu-Rinder blockieren ständig die Straße. 

Die letzten wenigen Kilometer unserer Fahrt in das Saha Forest Camp bei Anjozorobe sind nicht mehr asphaltiert und von starken Regenfällen komplett ausgewaschen. Eine ziemliche Tortur für unser Allradfahrzeug, aber unser deutschsprachiger Fahrer Orlando – ein Mann den, ganz „Moramora“, nichts aus der Ruhe bringen kann – bringt uns sicher zu unserem Reisbauern und seiner Familie und später weiter in das Camp.

Der Besuch in Anjozorobe ist eine (Zeit-)Reise in  eine andere Welt: hier gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Autos, Radios, Kühlschränke oder sonst irgendetwas, was aus dem 20. oder 21. Jahrhundert stammt. Die Lehmhäuser haben keine Türen und selbstverständlich keine Glasfenster. Die Familie des Reisbauern lebt zusammen mit ihren Hühnern in ihrem winzigen Haus und der Tag beginnt in Ermangelung künstlicher Lichtquellen, wenn die Sonne aufgeht, und endet, wenn sie untergeht. Letzteres ist laut meines Guides auch der Grund für den Kinderreichtum der Madagassen.

Nachdem ich bei meiner Ankunft im Dorf etwas gehemmt bin und nicht richtig weiß, wie ich mich verhalten soll, fällt es mir ein: Lächeln! Also lächle ich und plötzlich lächeln alle mit. Ich darf mir die lebenswichtigen Reisspeicher der Familien anschauen, die kunstvoll gearbeiteten Ochsenkarren bewundern und werde schließlich in das Haus des Reisbauern eingeladen. 

Das Saha Forest Camp und der Besuch in Anjozorobe sind Teil eines Projekts, in dem eine private Entwicklungshilfeorganisation versucht, den Familien der Reisbauern der Region durch behutsame Einbeziehung in den Tourismus eine zusätzliche Einnahmequelle, grundlegende Bildungschancen und einen zumindest teilweisen Anschluss an die Moderne zu verschaffen. Mittlerweile 90% der Mitarbeitet des Saha Forest Camps kommen aus der lokalen Gemeinde, bewirten die Gäste oder arbeiten als Guides im Anjozorobe Regenwald, der direkt an das wunderschöne Camp angrenzt. 

Besucher  haben die Möglichkeit, das wahre und keinesfalls vorgespielte Leben des madagassischen Hochlandes zu erleben und mit den (halbprofessionellen) Guides den gigantischen Regenwald zu entdecken. Ich begebe mich mit meinem Guide auf eine dreistündige Tour durch das wunderschöne Dickicht des Waldes, entdecke Orchideen und Wasserfälle und werde dabei die ganze Zeit von den Schreien der Lemuren begleitet. Am Abend sitze ich auf der Terrasse meines Zeltchalets, horche in den Regelwald hinein und sortiere die vielen Eindrücke, die ich auf meiner (Zeit-)Reise nach Anjozorobe gesammelt habe.

2. Madagaskar – Erkenntnis:

Madagaskar ist heute mehr denn je eines der ärmsten und in weiten Teilen vollkommen unterentwickelten Länder der Welt. Knapp 50% der Bevölkerung müssen mit weniger als 1 USD pro Tag auskommen, viele Leute völlig ohne Geld. Die politischen Probleme des Landes haben in den vergangenen Jahren nicht nur die positive Entwicklung der ersten Jahre des 21. Jahrhunderts abgewürgt, sondern deutliche Rückschritte für die Landbevölkerung bewirkt.

Die Madagassen sind nicht nur sehr gemütliche und freundliche Menschen, sondern extrem ausgeglichen, friedliebend und geduldig. Zu keinem Zeitpunkt meiner Reise habe ich mich in irgendeiner Weise unwohl oder gar bedroht gefühlt, obwohl der Inhalt meines Geldbeutels und der Wert meiner typischen Touristen-Ausrüstung eine Hochlandfamilie (bei einem gesetzlichen Mindestlohn von 13,- EUR im Monat) vermutlich mehrere Jahre ernährt hätten. Noch verblüffender war, dass außer in den großen Städten niemand gebettelt hat und ich – anders als in vielen anderen Ländern – niemals zu einem Trinkgeld gedrängt wurde, sondern ich mich immer von mir aus bedanken konnte.

Der Nordosten

- Wo Regenwald und Meer aufeinandertreffen

Von Anjozorobe reise ich zurück nach Tana und von dort in den Osten des Landes. Ich besuche den berühmten Regenwald-Nationalpark von Andasibe mit seinen vielen Lemuren und bestaune besonders den Indri Indri, den größten lebenden Lemur Madagaskars, dessen Schreie durch den gesamten Park zu hören sind. 

Weiter geht es aus dem Hochland hinab an die madagassische Ostküste und in die Region des Pangalanes Kanals. Der Pangalanes Kanal war einst mit seinen 645 Kilometern die längste von Menschen geschaffene schiffbare Wasserstraße der Welt. Heute ist der Kanal, den die französische Kolonialverwaltung von madagassischen Zwangsarbeitern bauen ließ, an vielen Stellen versandet, aber dennoch die unbestrittene Lebensader des östlichen Madagaskars. 

Ich besuche Ankanin‘ny Nofy das „Traumnest“, ein privates Schutzgebiet am Pangalanes, das Heimat vieler Lemuren, Reptilien, Vögel und Insekten ist. Auf der Landenge zwischen Kanal und Indischem Ozean liegen zahlreiche Dörfer, deren waghalsigen Fischern ich beim morgendlichen Einholen der Netze und dem anschließenden Ritt in winzigen Einbäumen durch die tosende Brandung des Ozeans zusehe.  In einer Piroge reise ich entlang des nördlichen Teils des Kanals bis in die zweitgrößte Stadt Madagaskars, die quirlige Hafenstadt Tamatave mit ihrer belebten Uferpromenade und vielen (ehemals) prachtvollen Kolonialbauten.

Mit dem Flugzeug geht es weiter in den Nordosten in die tropische Kleinstadt Maroansetra, Ausgangspunkt für Touren nach Nosy Mangabe und die Masoala Halbinsel mit ihren großen Regenwäldern. Maroantsetra und der tropische Nordosten sind völlig anders als das madagassische Hochland: man sieht kaum noch asiatische Gesichtszüge, sondern viel stärkere afrikanische Einflüsse – Erbe afrikanischer Sklaven, die einst von europäischen Freibeutern und Sklavenhändlern in diese Region verschleppt wurden. Es ist tropisch grün, heiß und die Luftfeuchtigkeit extrem hoch. Anders als im Hochland bestehen die Häuser hier aus Holz oder geflochtenem Bambus – Leichtbauweise ist, wie mir Mamy erzählt, in dieser Region das einzig Sinnvolle, da der nächste Tropensturm mit absoluter Sicherheit bald kommt und die Behausungen sowieso zerstört.

Die Region hat auf Grund ihrer Lage am Indischen Ozean und durch die vorgelagerten Masoala Halbinsel ein eigenes Mikroklima und ein völlig unberechenbares Wetter. Ich kann mir das bei meinem Besuch beim besten Willen nicht vorstellen, sehe ich doch nichts als blauen Himmel, tiefblaues Meer und die strahlende Sonne. Das perfekt Wetter für einen Besuch des Nationalparks auf Nosy Mangabe einer vorgelagerten, kleinen Insel, die über und über mit Regenwald bedeckt ist und die dem vom Aussterben bedrohten Fingertier oder Aye-Aye ein letztes Refugium bietet. 

Am frühen Morgen fahren wir mit dem Boot über die Bucht von Antongil zunächst in das Fischerdörfchen Navana, das an einem traumhaften Strand und in einer geschützen Bucht liegt. Auf dem Markt kaufen wir die Lebensmittel (vor allem frischen Fisch) für unseren Aufenthalt auf der „großen blauen Insel“, die ca. 20 Kilometer entfernt aus dem Ozean herausragt. Dann geht es endlich in Richtung Nosy Mangabe. Die madagassische Küste im Vordergrund und die mächtigen Gebirgsmassive des Hochlandes in der Ferne, bieten unserer Überfahrt eine grandiose Kulisse. Nach ca. einer halben Stunde Fahrt erreichen wir die Insel, die vom Grün des Regenwaldes schier erdrückt wird und wo der Wald tatsächlich bis ins Meer zu wachsen scheint.

Während unsere Helfer das Lager direkt am Strand aufbauen, gehe ich mit meinem lokalen Guide auf eine mehrstündige Wanderung auf die Suche nach Lemuren und dem kleinsten Chamäleon der Welt. Schon nach einer Viertelstunde habe ich das erste Mal fast genug von der schwülen Hitze, die dem Waldboden zu entsteigen scheint. Es geht aber weiter und immer tiefer in den Urwald hinein, bis wir schließlich an einen völlig unwirklichen Ort kommen: Unter einem Felsüberhang stehen zahlreiche Särge, manche mit Tüchern abgedeckt, andere nicht. Der Guide erklärt mir, dass diese „Begräbnisstätte“ einem Clan aus Maroansetra gehört und bittet mich, mit dem nötigen Respekt meine Fotos zu machen (denn Fotos soll ich seiner Meinung nach unbedingt machen).

Wir wandern weiter und plötzlich ist der ganze Wald erfüllt von den Rufen der Lemuren, die sich auf den nachmittäglichen Weg zu ihren Futterplätzen machen. Der ganze Primatenclan, etwa 15 bis 20 Tiere wie der Guide zu berichten weiß, bewegen sich unter lautem Geschrei über uns hinweg, springen von Baum zu Baum und verschwinden schließlich im Dickicht des Waldes. Auf unserem Rückweg ins Camp finden wir das kleinste Chamäleon der Welt, das Zwergchamäleon, welches etwa so groß ist, wie ein Fingerglied, und finden zudem zahlreiche Plattschwanzgeckos und (ungiftige) Schlangen. 

Den späten Nachmittag, und vor allem den sagenhaften Sonnenuntergang, verbringen wir am Strand. Unser Abendessen aus fangfrischem Fisch wird über dem offenen Feuer gegrillt und der madagassische Sternenhimmel, das Rauschen des Indischen Ozeans und die geheimnisvollen Geräusche des Waldes sind eine schier unglaubliche Kulisse für die Nacht im Igluzelt auf Nosy Mangabe.

Da ich aber natürlich hoffe, vor dem Schlafen das nachtaktive Fingertier sehen zu können, versuche ich den Nationalpark-Guide zu einer inzwischen offiziell verbotenen Nachtwanderung zu überreden.

Wie man es als Europäer eben macht, rede ich auf den Guide ein, argumentiere, verspreche ihm kein Blitzlicht zu benutzen, niemandem etwas zu erzählen und sowieso das ganze illegale Erlebnis sofort wieder zu vergessen. Schließlich sagt der Mann zu mir, dass er sich sehr freuen würde, mit mir die Nachtwanderung zu unternehmen und dass er für meine Freundschaft natürlich sehr gerne das Risiko eingehe, seinen Job zu verlieren, aber es sei eben einfach unmöglich, und er hoffe sehr, meine Freundschaft nun nicht zu verlieren. Da hat er mich mit seiner typisch madagassisch-indirekten Art vollkommen ausmanövriert, und ich verzichte schließlich gerne auf das Aye-Aye.
 

3. Madagaskar – Erkenntnis:

Madagassen haben eine sehr förmliche und indirekte Art Dinge auszudrücken und würden niemals direkt „Nein“ sagen, aus Angst sein Gegenüber zu beleidigen oder vor den Kopf zu stoßen. Als Europäer ist man es jedoch gewohnt „deutliche Ansagen“ zu machen, was bei einer Madagaskarreise auf Grund der Toleranz und Geduld der Menschen kein Problem ist, aber sicherlich dazu führt, dass sich so mancher Europäer wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen aufführt.

Sprache und Ausdruck sind von den Madagassen zu einem formalisierten Ritual entwickelt worden. Es gibt sogar einen Beruf des Sprechers, der zum Beispiel zur Brautwerbung oder um Geschäfte anzubahnen gebucht wird und der in komplizierten Floskeln das Anliegen seines Auftraggebers darlegt, immer darauf bedacht, die Ehre und guten Beziehung der Beteiligten zu betonen.

Der Südwesten

– Land der Ahnen, der Baobabs und der Zebu-Rinder

Aus dem tropischen Nordosten geht es mit dem Flugzeug einmal mehr zurück nach Tana, dem Dreh- und Angelpunkt des Landes. Die madagassische Infrastruktur ist, ganz Entwicklungsland, nur sehr schwach entwickelt und stammt teilweise noch aus der französischen Kolonialzeit. Bis auf die wenigen Nationalstraßen existieren kaum befestigte Straßen, wobei sich jedoch auch eine Nationalstraße durchaus einmal als unbefestigte Schotterpiste entpuppen kann. Die Air Madagaskar fliegt mehrmals in der Woche die Strecken zwischen Tana und den wichtigsten Städten des Landes, was eine Reise durch Madagaskar ungemein erleichtert und Tourismus erst möglich macht. 

Von Tana geht es auf der Nationalstraße 7 (N7) durch das gesamte Hochland nach Süden. Ich besuche die schöne Kolonialperle Antsirabe, die in ihren besten Zeiten ein boomendes Kurbad und Ausflugsziel für die Wichtigen des Landes war. Heute ist Antsirabe und die Region unter anderem für ihre Kunsthandwerker, Holzschnitzer und Spielzeugmacher bekannt, denen man bei der Arbeit über die Schulter schauen kann. 

Weiter geht es durch die traumhaft schöne Berglandschaft mit den vielen Reisterrassen und Hochlanddörfchen. Wir besuchen den Regenwald von Ranomafana, der sich hier noch auf einer riesigen Fläche über Berge und hinein in nebelverhangene Täler erstreckt. Obwohl ich auf meiner Reise bereits „Lemuren-verwöhnt“ wurde, bin ich beeindruckt von der Vielfalt der Arten: Ich sehe unzählige verschiedene Bambuslemuren, das seltene Sifaka, Rotbauchmakis und braune Lemuren. Vor allem aber besticht der lokale Guide, der sich vom Wilderer zu einem engagierten Tierschützer und echten Tourismus-Profi entwickelt hat, der einfach alles über die Pflanzen, Tiere und Menschen der Region zu berichten weiß.

Südlich der alten Stadt Fianarantsoa, der Stadt „wo man das Gute lernt“, verlassen wir das Hochland und beginnen unseren Abstieg in die weiten Ebenen des Südwestens. Zunächst schlängelt sich die N7 gemächlich in die Täler, am Horizont thront noch der beeindruckende Pic Boby, mit 2.658 Metern der zweithöchste Berg der Insel. Hinter Ambalavao, der Zebu-Hauptstadt Madagaskars, weitet sich der Blick und wir schauen hinab in die unendlich großen Weiten des Südwestens. Urplötzlich sind wir nicht mehr im Hochland, sondern in einer Landschaft, wie man sie auf dem afrikanischen Kontinent vermuten würde: Schier nicht enden wollende Grassavannen, vereinzelte Akazien, mächtige Baobabs, Tafelberge am Horizont. Wir sind am „Tor des Südens“, dem Beginn eines völlig anderen Madagaskars, im – wie die Madagassen sagen - afrikanischen Teil des Landes: Schwärzer, heißer, trockener und noch mehr in der Welt der Ahnen verhaftet.

Mein Guide bittet mich ab jetzt auf keinen Fall mehr mit dem Zeigefinger auf Felsen, Berge und große Bäume zu deuten, da für die hier lebenden Stämme der Bara, Antanosy und Sakalava praktisch alle hervorstehenden Landschaftsformen heilig sind. Ein Verstoß dagegen sei „Fady“ und somit ein ernsthafter Tabubruch für die lokale Bevölkerung.

4. Madagaskar – Erkenntnis:

Madagaskar ist landschaftlich, klimatisch und kulturell eines der vielfältigsten Länder der (mir bekannten) Welt und wird zu recht auch als ein eigener Mini-Kontinent bezeichnet. Auf einer Reise durch das Land trifft man auf asiatisch anmutende Menschen und Landschaften, erlebt tropisch-heiße Regionen und Regenwaldgebiete und trifft im Süden auf eine Kultur und Landschaft, die eine enge Verbindung zum afrikanischen Kontinent aufweisen. 

Eine Reise auf eigene Faust und ohne einheimischen Guide ist organisatorisch, sprachlich und logistisch vermutlich (irgendwie) möglich, aber sicherlich unwahrscheinlich schwierig. Angefangen beim Essen, das bei sorgfältiger Auswahl wirklich hervorragend ist, über den Straßenverkehr (Regeln und Straßenschilder gibt es wenn überhaupt nur in den Städten), bis hin zu den ständig wechselnden Verhaltensregeln ist hier nichts eindeutig, leicht zu verstehen oder für einen Außenstehenden intuitiv zu begreifen. 

Absolut zu empfehlen ist die Reise aber mit einem (für unsere Verhältnisse wenig teuren) Fahrer oder Guide, der dem Reisenden mit Informationen und Erklärungen hilft, das Land zumindest grundsätzlich zu begreifen, Kommunikation ermöglicht (sofern man nicht selbst zufällig Malagasy spricht) und für eine sichere Reise auf den problematischen Straßen sorgt!

Vorbei an Zebu-Herden geht es weiter in Richtung des Städtchens Ranohira, Ausgangspunkt für Besuche im spektakulären Isalo Sandstein-Massiv. Wir übernachten hier zunächst in dem wunderschön in die bizarre Landschaft geschmiegten Relais de la Reine, einem wirklich hervorragenden Hotel, das den Besuchern der Region neben einer komfortablen Unterkunft auch eine hervorragende Küche, Informationen und die Möglichkeit zu Reitausflügen bietet. 

Am nächsten Tag geht es mit lokalem Guide in den Isalo Nationalpark. Für den „Einstieg“ in das Massiv müssen wir eine etwa halbstündige Steigung auf das erste Plateau bewältigen. Wir kommen dabei an Sandstein-Steilwänden vorbei, in denen die hier lebenden Bara in schwindelerregender Höhe Begräbnis-Grotten angelegt haben (also wieder nicht auf Dinge zeigen!).

Der Isalo Nationalpark ist mit fast 82.000 Hektar eines der größten Schutzgebirge Madagaskars und mit Sicherheit eines der schönsten: Weite trockene Grasebenen, schroffe Steilwände und grandiose Sandstein-Canyons prägen das Landschaftsbild. Immer wieder kommen wir an Gruppen der neugierigen Katta-Lemuren vorbei, die einzige Lemurenart, die bei der Nahrungssuche den Schutz der Bäume verlässt und gelegentlich durch das Gras „tanzt“. Sicherlich einer der Höhepunkte des Besuches ist das erfrischende Bad in einem der vielen natürlichen Pools, die sich hier in den Canyons unter Wasserfällen gebildet haben. 

Von Ranohira fahren wir tiefer in den Südwesten in Richtung unseres letzten Reiseziels Ifaty am Kanal von Mosambik. Wir fahren vorbei an riesigen knorrigen Baobabs, kommen mitten durch einen Heuschreckenschwarm, der plötzlich wie eine tiefhängende Gewitterwolke vor uns auftaucht, und passieren Dörfer, die aus niedrigen Lehmhütten mit Strohdach bestehen. Mein Guide erklärt mir, dass in dieser Region ein großer Wassermangel herrscht und die Bevölkerung zum Teil Tagesmärsche zu der nächsten Wasserstelle zurücklegt. Obwohl in den „Hotely Gasy“, kleine Imbissbuden und Geschäfte entlang der Straße, Trinkwasser in Flaschen verkauft wird, ist die örtliche Bevölkerung hiervon ausgeschlossen, da praktisch niemand die 1.000 Ariary, etwa 40 Cent für eine Flasche aufbringen könnte.

Am späten Nachmittag wechselt das Landschaftsbild langsam von der sonnenverbrannten Grassavanne in Sträucher und Buschwerk und schließlich taucht am Horizont der Kanal von Mosambik auf. Wir fahren durch die Küstenstadt Tulear und von dort auf der unbefestigten N9 die Küste entlang nach Ifaty. Das Dörfchen ist die letzte Station meiner Reise und ein wahrhaft paradiesischer Abschluss für eine Madagaskarreise: Die schöne Unterkunft liegt inmitten der Dünen direkt am weißen Sandstrand und das türkiesblaue Wasser der durch ein vorgelagertes Korallenriff geschützten Bucht lädt zum Baden, Schnorcheln und Tauchen ein. 

Früh am Morgen meines letzten Madagaskartages fahre ich mit einer traditionellen Segelpiroge hinaus auf das Meer. Nach einer halbstündigen Fahrt kommen wir an das „Massif des Roses“, einen Teil des Riffs, in dem Korallen einen wundersamen Unterwassergarten gebildet haben. Mit Schnorchel und Taucherbrille ausgerüstet erlebe ich dieses mittlerweile streng geschützte Paradies mit tausenden bunter Fische, Muränen und Seesternen und lasse mich scheinbar schwerelos im warmen Wasser des Ozeans treiben.

Meine traumhafte Reise durch Madagaskar geht langsam zu Ende. Als Überraschung zum Abschied der Reise haben mein Guide und die Mitarbeiter des Dunes d’Ifaty ein Abendessen am Stand organisiert. Noch einmal genieße ich das wunderbare madagassische Essen, die traumhafte Abendstimmung am Kanal von Mosambik und lasse im Licht der untergehenden Sonne die Erlebnisse der vergangenen drei Wochen Revue passieren.

5. Madagaskar – Erkenntnis:

Ich habe Madagaskar als ein spannendes, rätselhaftes, vollkommen fremdartiges und umwerfend schönes Land kennengelernt. Highlights meiner Reise waren sicherlich die unterschiedlichen Landschaftsformen, und die fremdartige Tier- und Pflanzenwelt, aber am Beeindruckendsten und Spannendsten waren die Menschen, die ich treffen durfte. Seien es die Guides, die mir unendlich viele Informationen gegeben haben, seien es die immer freundlichen Mitarbeiter der Unterkünfte und seien es vor allem die Menschen, denen ich auf den Märkten und den Dörfern begegnet bin. Für mich ist Madagaskar das afrikanische Land des Lächelns, mit Menschen, die trotz ihrer zum Teil schlimmen Armut immer unwahrscheinlich aufgeschlossen, interessiert, stolz und fröhlich sind. 

Jemandem, der davon träumt, eines fernen Tages einmal Madagaskar zu bereisen will ich sagen: Träumen Sie nicht zu lange und vor allem zweifeln Sie nicht zu viel! Fangen Sie an, Ihre Reise zu planen und machen Sie sich auf den Weg! 

Kein Mensch weiß, wie lange die wenigen ursprünglichen Schutzgebiete des Landes noch erhalten werden können und wie lange man noch die unheimlichen Schreie des Indri Indri durch den Wald von Andasibe hallen hört. Und mindestens genauso wichtig: Die Natur und die Menschen Madagaskars brauchen einen behutsamen Tourismus, der dem Land die Möglichkeit gibt, der Welt von seiner Schönheit zu berichten; ein Tourismus, der Perspektiven bietet, die es der Bevölkerung erlauben, eben nicht mehr die Wälder abzuholzen und den eigenen Lebensraum und den der Tiere zu vernichten.

Endecken Sie Madagaskar! Zu der Reise geht es hier.

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