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Die perfekte Safari

Die perfekte Safari

Faszination für wilde Tiere und für die Savanne

„Hello Sir, wake up, good morning!“ - Herrje, mitten in der Nacht, was... ach, der wake up call.

Es muss 05.30 Uhr sein. Schlaftrunken quäle ich mir ein “Yes, good morning!“ heraus, da höre ich wie der Reißverschluss des Zeltes aufgemacht wird. Moment mal! Doch mir fällt rechtzeitig ein, dass die Zelte im Serengeti Safari Camp 3 Abschnitte haben und im „Nebenraum“ gerade das heiße Wasser bereitgestellt wird.

Die Privatsphäre bleibt gewahrt, ein guter Geist huscht herein und füllt die Wasch-Karaffe, denn stilvolles Campambiente sieht keine Wasserleitungen vor. Er verlässt das Zelt wieder und wenig später höre ich, wie im Vorzelt der Kaffee abgestellt wird, den ich am Vorabend geordert hatte. Der Duft hilft endgültig dabei unter der Daunendecke hervorzukriechen.

Nur gut, dass ich reichlich von den Trinkwasserflaschen Gebrauch gemacht habe, die im Zelt zur Verfügung stehen. (Offenes Wasser ist nur zum Waschen geeignet.) Die australischen Ehepaare haben dem Rotwein kräftig zugesprochen, der am Vorabend zum gemeinschaftlichen Dinner gereicht wurde. Die schlafen jetzt allerdings auch noch, während ich im Hintergrund schon den Diesel des Landcruisers tuckern höre, den mein Guide Kenny für die Wildbeobachtungsfahrt vorbereitet.

In diesem Camp wird jedem Zelt ein privater Fahrer zur Verfügung gestellt. Dies ist ein Luxus, für den andere Lodges spürbare Aufpreise verlangen und es bietet den unschätzbaren Vorteil, dass der Gast seinen Tagesablauf selbst bestimmen kann. So reisen normalerweise nur Fotografen, die den Safaritag ganz nach ihren Bedürfnissen gestalten wollen.

Rasch mache ich mich fertig und gönne mir nur zwei Minuten für den Kaffee mit Blick in eine Dunkelheit, die ganz langsam schon einer jungen, verheißungsvollen Dämmerung weicht. Das alte Kribbeln ist da. Welche Begegnungen hält dieser Tag für uns bereit? Mit Taschenlampe mache ich mich auf den Weg zum Jeep, so dass wir um kurz vor 06.00 Uhr das Camp verlassen.

Es gibt nicht wenige dieser so genannten „private campsites“ im Serengeti Nationalpark, die das Serengeti Safari Camp nutzt, um nur wenigen Gästen in der Wildnis des Nationalparks ein authentisches Safarierlebnis mit viel Komfort zu ermöglichen. Das Camp besteht aus nur sechs Gästezelten sowie einem Speise- und einem separaten Loungezelt. Es ist jetzt in der südlichen Zentralserengeti aufgeschlagen, doch sicher wird es bald schon wieder an anderer Stelle errichtet werden.

Diese häufigen Standortwechsel sind ein unschätzbarer Vorteil des Camps gegenüber vielen anderen. Denn so wird sichergestellt, dass die Gäste immer möglichst nah an der großen Herdenwanderung der knapp eineinhalb Millionen Gnus und den ihnen folgenden Hunderttausenden Zebras und Thompson-Gazellen sind. Dieses Phänomen, die so genannte „Große Migration“, ist das ganz besondere Faszinosum des Serengeti Ökosystems im Norden Tansanias und in der angrenzenden kenianischen Masai Mara.

Werden wir Sie heute finden? Mein Guide wiegt seinen Kopf diplomatisch hin und her, sagt „Vielleicht!“ und grinst. Er kennt die immerwährende Frage seiner Gäste nur zu gut. Kaum zu glauben, dass eine solche Masse an Tieren so viel Spekulation und ungewisse Gerüchte auslöst. Man muss sich vor Augen halten, dass die Tiere keinem festen Fahrplan folgen. Ihre Bewegungen werden durch die lokalen Regenfälle und die Verfügbarkeit von Gras bestimmt. Es gibt größere Splittergruppen, die Ihre eigenen Wege geben. Nur eine allgemeine Wanderungstendenz und Erfahrungswerte machen bestimmte Regionen zu den jeweiligen Jahreszeiten zu Orten, die beste Beobachtungschancen versprechen.

Es ist Juni, eine der vor diesem Hintergrund schwierigsten Zeiten in der Serengeti. Die Herden werden in der Zentralserengeti und im so genannten Western Corridor vermutet, ein schmaler Teil des Nationalparks, der sich bis zum Viktoria See nach Westen erstreckt. Doch in den vergangenen Tagen wurden in der zentralen Serengeti keine großen Gnuherden gesehen und auf meiner Stippvisite in den Western Corridor waren entlang des Hauptweges keine großen Huftierherden auszumachen.

Ich hoffe, dass wir doch noch Glück haben werden und mit diesen Gedanken machen wir uns auf den Weg zu den Moru Kopjes einem ausnehmend schönen Gebiet zwischen Zentralserengeti und Ngorongoro Conservation Area. Kopjes sind verstreute Ansammlungen runder Granitfelsen umsäumt von dichter Vegetation, die eine reizvolle Abwechselung in der Weite der schier endlosen Savanne darstellen und darüber hinaus bevorzugte Verstecke und Spähposten von Raubkatzen sind.

Auch die Parkranger machen sich diese Felsen als verborgene Ausgucke zu Eigen, von denen aus sie über die Einhaltung der Parkregeln wachen. Bei den Moru Kopjes ist ihre Aufmerksamkeit besonders hoch, denn in dieser Gegend leben die letzten überleben Nachkommen der Serengeti Spitzmaulnashörner, die in den 70er Jahren durch Wilderei fast komplett ausgerottet wurden. Etwa ein Dutzend Tiere lebt heute in der Gegend, streng bewacht durch die Parkranger.

Die ersten mächtigen Silhouetten jedoch, die sich für uns sichtbar vor die im Osten aufflammende Morgenglut schieben, gehören vier Büffeln, die in der Serengeti ebenfalls zahlreich vertreten sind. Zwar hadere ich mit meinem lichtschwachen Objektiv, doch ich nehme die vier als gutes Omen für einen spannenden Safaritag.

Und ich werde nicht enttäuscht. Nur etwa 20 Minuten später, die Sonne ist längst vollständig aufgegangen, entdecken wir parallel des Weges 5 Löwenweibchen, die langsam auf einen großen flachen Felsen zuhalten.  Sie laufen gemessen und ruhig. Ihre Bäuche sind sichtbar voll. Ganz offenbar war die nächtliche Jagd erfolgreich und nun streben sie einem geeigneten Platz zum Ausruhen zu. Zwei von Ihnen bringen noch die Energie auf miteinander herumzutollen. Wie immer ist es ganz wundervoll spielende Löwen zu beobachten, die kraftvollen, eleganten Bewegungen und das spielerisch-liebevolle Kräftemessen zu verfolgen. 

Im Hintergrund beobachten Thomson Gazellen das Geschehen, wohl wissend dass ihnen keine akute Gefahr droht, doch den schützenden Sicherheitsabstand wachsam einhaltend. Schließlich erreichen die Löwinnen den Fels und lassen sich auf dem Plateau nieder. Ein  Hinweis von Kenny lässt mich den Blick um 150 Grad zurückwenden.

In der Nachhut der Damen folgt ein ausgewachsenes männliches Tier und nutzt dabei die Fahrspur des Weges, so wie es viele Tiere gern tun. Es wendet sich kurz um. Nur wenige Sekunden später bewegt sich das Gras noch einmal und ihm folgt ein weiteres Männchen mit noch dunklerer Mähne. Gebannt verfolge ich durch die offene Dachluke des Jeeps wie sie sich uns immer weiter nähern und erst etwa 20 Meter vor uns seitlich ins Gras abbiegen in Richtung des Felsens zum Rest des Rudels.

Plötzlich geschieht etwas Unerwartetes. Wie aus dem Nichts tauchen drei Büffel vor dem Felsen auf und bewegen sich zielstrebig auf die beiden Löwen zu, beginnen gar zu traben. Ganz offensichtlich geht es hier um eine Machtdemonstration. Die Löwen zögern, weichen etwas aus und kauern sich ins Gras. Vom Felsen blicken aufmerksam die Weibchen herab. Als noch etwa 30 Meter zwischen den Kontrahenten liegen kommen die Büffel zum Stehen.

Spannung füllt die frische Morgenluft. Die Gegner taxieren sich. Dann wenden sich zwei der Büffel ab, die Situation deeskaliert. Viel zu kostbar sind für beide Seiten Energiereserven und Unversehrtheit, als dass ein Kampf ohne Not Sinn machen würde.

Die beiden Löwen setzen ihren Weg mit einer leichten Kurvenbewegung um die Büffel fort und erreichen schließlich die Weibchen auf dem Felsen. Nach dieser überraschenden Störung werden Sie die Hitze des Tages vermutlich dösend im Schatten der Büsche auf den Felsen verbringen.

Wir fahren weiter und es scheint heute ein Löwentag zu werden. Schon gestern ist es Kenny gelungen, eine Löwin in einem Baum aufzuspüren und nun gelingt es ihm wieder. Scherzhaft hatte ich ihm zu gesagt, wenn er keinen Leoparden aufspürt, müsse er stattdessen pro Tag zwei Löwen in Bäumen finden. Es ist unüblich, dass Löwen auf Bäume klettern wie dies etwa Leoparden gern tun.

Der Lake Manyara Nationalpark, den man zumeist auf dem Weg zur Serengeti besucht, wirbt damit, dass es dort baumkletternde Löwen gibt, doch ich musste feststellen, dass dies in der Zentralserengeti durchaus häufiger zu sehen ist.

Etwas fernab des Weges, aber doch deutlich erkennbar, entdecken wir zwei Löwinnen, die es sich in den unteren Ästen eines Leberwurstbaums bequem gemacht haben. Dieser in ganz Afrika verbreitete Baum hat eine breite Schatten spendende Krone und trägt schwere, harte Früchte, die die Form von Würsten haben. Leider können wir uns nicht näher heranbewegen, denn das Fahren abseits der Wege ist in der Serengeti wie in allen Nationalparks des Landes nicht gestattet. Nur in privaten Wildschutzgebieten ist dies möglich.

Die Enttäuschung darüber währt jedoch nicht lange als wir zwei Schakale in unmittelbarer Nähe eines weiteren Löwenmännchens ausmachen. Die beiden Schabrackenschakale zerren an den Überresten eines ausgeweideten Gnukadavers, während der Löwe schläfrig nur wenige Meter abseits der Piste ruht. Ein Genuss, das schöne Tier aus so kurzer Distanz einfach nur in Ruhe zu betrachten. Doch auch hier ändert sich die Situation rascher als vermutet.

Noch eben konnte das Tier die Augen scheinbar kaum offen halten, als es plötzlich den Kopf hebt und sich gezielt in eine Richtung orientiert. Wir versuchen dem Blick zufolgen und können nichts entdecken. Der Löwe ist inzwischen aufgestanden. Mit dem Fernglas wird mein versierter Guide fündig. In mehreren Hundert Metern Entfernung sind vier Hyänen auszumachen, die offenbar Beute haben.

Während sich der Löwe in Gang setzt, erläutert mir Kenny, dass nach seinen Beobachtungen eine tiefe Abneigung insbesondere zwischen männlichen Löwen und Hyänen herrsche. Wenn irgend möglich würde ein Löwe immer versuchen Hyänen anzugreifen und zu vertreiben. Nicht jedoch nur, weil sie Nahrungskonkurrenten sind, sondern weil es in vielen Fällen auch etwas zu holen gibt. Kenny erklärt weiter, dass entgegen der landläufigen Meinung, Hyänen deutlich erfolgreichere Jäger seien als Löwen und dass wiederum diese den Hyänen die erjagte Beute abnehmen.

Wie um ihn zu bestätigen sehen wir durch die Ferngläser den nunmehr fernen Umriss des Löwen auf die Hyänen zueilen.

Diese versuchen so lange als möglich bei Ihrer Beute zubleiben, doch geben auf und sprengen fort, als der Löwe zu nahe kommt. Wir sehen ihn etwas mit dem Maul aufnehmen und sich weiter entfernen. So satt und müde er auch sein mochte, diese Gelegenheit konnte er sich nicht entgehen lassen. Naiv frage ich, ob er die Beute mir seinem Rudel teilen würde. Kenny schüttelt lachend den Kopf: „He will keep it in his private fridge.“  

Das ist faszinierend auf solchen Ausfahrten, man weiß nie was als nächstes passiert, und Situationen können sich sehr schnell ändern. Wir fahren weiter zu den Maasai Paintings, Felsmalereien, die Maasai Kriegern zugeschrieben werden, die von einigen Felsen in die Ebene herabblickend ihre Rinder hüteten als die Serengeti noch kein Nationalpark war. Auf dem Weg dorthin sehen wir ebenfalls auf einem Felsen eine weitere Löwin mit einem Jungen, das sie jedoch schnell wieder in einer Felsspalte verbirgt. Bei den Maasai Paintings ist dann auch Zeit für das Frühstück.

Wiederum ein benachbarter Fels mit eindrucksvollem Panoramablick in die weite Ebene ist dafür der ideale Ort. Während Kenny die Snacks und den Kaffee bereitstellt, genieße ich die Aussicht und bestaune die riesigen kandelaberförmigen Wolfsmilchgewächse, die hier gedeihen. Weitere Besonderheit ist ein Felsbrocken mit zahlreichen runden Vertiefungen, das Maasai Xylophon. Wenn man mit einem faustgroßen Stein in die Vertiefungen schlägt, entstehen Klänge. Ob sich die Maasai bei der Wacht über ihr Vieh damit die Zeit vertrieben haben?

Es geht zurück zum Camp, das ich nun bei vollem Tageslicht erlebe. Viel Zeit bleibt nicht, um die stilvollen Einrichtungsdetails des Mess Tents zu bewundern und die angenehm privaten Ausmaße dieser exklusiven Unterkunftsvariante zu realisieren. Heute geht es bereits weiter zum Schwestercamp des Serengeti Safari Camps, dem Nduara Loliondo Camp.

Auch das Loliondo Camp bietet mit nur sechs Gästeeinheiten das gleiche Maß an Ungestörtheit. Es liegt jedoch außerhalb der Parkgrenzen gleich neben dem Serengeti Nationalpark und ermöglicht so jene Aktivitäten, die innerhalb des Schutzgebietes untersagt sind: Buschwanderungen und Nachtfahrten. Nur eine Kombination beider Camps schafft also beste Voraussetzungen das Serengeti Ökosytem in allen Facetten zu erleben.

Der Clou: Man behält seinen Guide mit Fahrzeug vom Serengeti Safari Camp und der Transfer hat eher den Charakter einer Wildbeobachtungsfahrt. Auch Nduara Loliondo wird saisonal im Loliondo Wildkontrollbezirk verlegt. Ich erfahre, dass es derzeit weit im Norden zu finden ist, dicht an der Grenze zur Serengeti und nicht mehr weit von der kenianischen Grenze entfernt.

Das bedeutet, wir haben einen weiten Weg vor uns, durch das Seronera Gebiet der Zentralserengeti und dann weit hinauf nach Norden. Die Zeit ist knapp zumal ich die Gelegenheit nutzen möchte, um zwei andere Camps zu besuchen die auf dem Weg liegen.

Als erstes erreichen wir das Serengeti Medium Camp. Es ist ähnlich angelegt wie das Serengeti Safari Camp, doch es besteht aus zehn Zelten und ist trotz seiner mobilen Zeltstruktur permanent aufgebaut. Es zieht also nicht den Herden nach. Die Ausstattung ist eine deutliche Stufe unterhalb des Serengeti Safari Camps, die Zelte sind kleiner, doch alles Notwendige ist vorhanden und macht einen ordentlichen und gepflegten Eindruck.

Fast glaube ich an eine Verschwörung als wir auf der Weiterfahrt zunächst einmal wieder eine Löwin in einem Baum ruhend antreffen. Ich kann meinen Guide nicht mit dem Leopardenmangel kommen, er hat für Ersatz gesorgt, wie vereinbart. Die Löwin liegt - oder besser hängt - so abenteuerlich zwischen den Ästen, dass man unwillkürlich lachen möchte. Nur Katzen können wohl solche Positionen bequem finden.

Der Seronera Fluss führt immer ausreichend Wasser, mit dem er die nach ihm benannte Region versorgt. Sein Verlauf ist leicht an dem Palmenbestand an seinen Ufern auszumachen. Dort stößt man auf zahlreiche Nilpferde und in unserem Fall auf enorme Herden von Zebras. Ob sie zur Großen Migration gehören, als Vorhut oder Nachhut? Wir sehen Giraffen, Impalas, Elefanten, sogar ein beeindruckendes Krokodil, jedoch kaum ein Gnu. Wo mögen sie sein? Sind sie doch im Westen, in der Vorbereitung den Grumeti zu überwinden und damit die erste der spektakulären Flussüberquerungen in diesem Jahr zu unternehmen?

Auf der Fahrt nach Norden verändert sich die Vegetation. Die offenen Grasebenen des südlichen Teils sind Buschland mit viel Baumbestand gewichen. Auch das also ist die Serengeti. Wir folgen der Hauptroute zum Lobo Gebiet, die uns auch zum Abzweig mit dem Mbuzi Mawe Camp führt.

Es ist meines Erachtens eine Mischform aus einer Lodge und einem Zeltcamp. Zwar verfügt es über nur 16 Einheiten in Form von Zelten, doch stehen diese auf gemauerten Plattformen, verfügen jedes über zwei Doppelbetten und auch das Bad ist gemauert und gefliest.

Hier herrscht also eher klassischer Hotelkomfort und dafür spricht auch das große Hauptgebäude mit Restaurant und Internetanschluss. So ist das Mbuzi Mawe keines der eher unpersönlichen, wuchtigen Lodgegebäude mit Dutzenden von Zimmern, doch echte Hemingwayatmosphäre mag auch nicht aufkommen. Es bleibt eine interessante Alternative für jene, die einen Kompromiss aus beiden Varianten bevorzugen.

Ich aber freue mich auf das Nduara Loliondo Camp und wir müssen uns sputen es zu erreichen. Am Spätnachmittag erreichen wir die Parkgrenze. Von hier dauert es noch einmal eine Dreiviertelstunde, weil sich der schlecht befestigte Weg durch kleine Täler und über steile Hügelflanken windet. Der Allradantrieb kommt zum Einsatz. Es beginnt schon zu dunkeln und ich erwarte hinter jeder Biegung schon die Lichter des Camps zu sehen. Doch noch immer nichts. Plötzlich hält Kenny den Wagen abrupt an. Natürlich, es ist Löwentag! Ein großes Rudel kommt den Hang hinauf und quert unseren Weg.

Es ist schwer zu zählen, weil es so viele sind. Kenny sagt 14, und ich habe in den letzten 30 Stunden gelernt mich auf sein Urteil zu verlassen zu müssen und zu können. Was für ein Empfangskomitee! Zwar bleibt es eine flüchtige Begegnung, doch die schiere Anzahl der geschmeidigen Silhouetten, die im Halbdunkel den Hang hinaufgleiten, ist beeindruckend.

Schließlich erreichen wir das Camp, das noch einen wesentlichen Unterschied zu seinem Schwestercamp besitzt: es handelt sich bei den Zelten nicht um die klassische Safariform, sondern um große Jurten. In diesem Stil der geräumigen, runden Nomadenzelte der Mongolei sind nicht nur die Gästeeinheiten gehalten, sondern auch das Loungezelt und das Speisezelt.

Ich habe allerdings nicht mehr viel Energie das angesichts der Einsamkeit des Camps ausgefeilte Dinner und das Interieur meines mächtigen Zeltes hinreichend zu goutieren. Zu ereignisreich war der Tag und zu früh geht es morgen wieder los. Und hat Kenny nicht etwas gesagt, von großen Herden, die in Richtung Norden ziehend gesehen worden sind? Doch vielleicht war das auch schon geträumt, schließlich ist erst Anfang Juni…

05.30 Uhr. „Good Morning! Your wake up Call!” Es ist wieder so weit. Eine Tür geht auf, ein Krug heißes Wasser wird gebracht und ein Tablett mit Keksen und Kaffee bleibt zurück. Letzterer tut wieder seine Wirkung und bald darauf stolpere ich dem Lichtkegel der bereit gestellten Taschenlampe folgend zum Jeep, wo mich Kenny freundlich begrüßt.

Der Weg führt uns nicht etwa in die unbekannten Gefilde der Loliondo Konzession, sondern stracks auf gleicher Strecke zurück zum Serengeti Grenzposten. Also Serengeti, auch gut! Am Grenzposten und im Camp deuten die Informationen tatsächlich auf größere Herden in der Nordostserengeti hin. Könnte das der Fall sein?

Es wäre nicht unüblich, dass ein Teil der Herden nicht die Westroute wählt, sondern quer hinaufzieht in die Nordostserengeti, um von dort weiter nach Kenia vorzustoßen. Allerdings, nicht schon zu dieser Jahreszeit. Immerhin haben wir gesehen, dass das Gras hoch stand. Und es war in den letzten Tagen bewölkt, vereinzelt hat es geregnet. Sollte der Regen und das üppige Gras die Tiere schon jetzt in die Bologonja Region gelockt haben?  

Am Rangerposten regelt Kenny meinen Tagespassierschein und dann dringen wir in die menschenleere Nordostserengeti vor. Wir werden heute keinem anderen Jeep begegnen. Das ist echter Luxus gegenüber den Tagen mit den zahlreichen Fahrzeugen, die in der Zentralserengeti verkehren. Auf unserem Weg treffen wir kaum auf Tiere. Einige Gnus sind wohl zu sehen, hier und da eine Zebraherde, oder einige Topigazellen. Das Land ist häufig gewellt, selten gibt es flache Ebenen wie im Süden.

Und dann sehen wir sie tatsächlich: einen lang gezogenen, mit schwarzen Punkten gesprenkelten Hang, durchlaufen von langen dunklen Reihen in denen sich die Tiere in Ihrer Wanderbewegung verdichten. Ein Anblick, der sofort verdeutlicht, dass es sich hier um eine immense Zahl handeln muss. Ungeduldig und voller Erwartung lehne ich mich aus der Dachluke, schieße Fotos die einfach nichts werden können. Egal! Es ist schwer, sich einen Überblick zu verschaffen. Es scheint, als ob es eine generelle Wanderungsrichtung geben würde, die von einem Kernstrang an Tieren langsam aber zielstrebig verfolgt wird. An den Flanken dieser schmalen Hauptkolonne fächert die Masse aus. Endlich sind wir ganz nah und der Jeep wird langsamer.

Gruppen von Gnus ruhen auf der Piste und erheben sich unwillig und weichen erst im letzten Moment aus. Wir halten und es ist Zeit dieses sagenhafte Phänomen in sich aufzusaugen. Ganz umgeben von den Tiergruppen, die teilweise von Zebras durchsetzt sind, drehe ich mich langsam um 360 Grad. Jetzt kann ich keinerlei Strukturen mehr erkennen. Der gewaltige visuelle Eindruck wird durch die akustischen Reize enorm gesteigert. Es ist rutting season, Paarungszeit.

Das bedeutet, dass die Gnubullen wie wahnsinnig ein etwa fußballfeldgroßes Gebiet zu verteidigen suchen, um die darin befindlichen Weibchen zu beanspruchen. Dabei galoppieren sie wild auf und ab und scheinen selbst ein wenig den Überblick zu verlieren. Vermutlich kommt oft ein lachender Dritter zum Zuge. Es ereignen sich häufig Duelle, die aber selten blutig ausgefochten werden.

All dies sorgt für viel Bewegung und zugleich für eine außerordentliche Kakophonie an Schnauben und Grunzen, die aufgrund der Anzahl von mehreren zehntausend Tieren weithin vernehmbar ist. Hier ganz allein in der Serengeti zu stehen, inmitten von tausenden lärmenden Weißbartgnus, die mich umströmen, ist ein unbeschreibliches Erlebnis, das wirklich unter die Haut geht. Ich lege die Kamera einfach mal weg, lehne mich auf das Dach des Jeeps, freue mich ganz einfach, dass es so etwas gibt und genieße staunend wie ein Kind diesen besonderen Moment.

Irgendwann fahren wir langsam weiter, nicht ohne hier und dort wieder zu halten und neue Bewegungen zu beobachten. So erreichen wir einen einsamen Akazienbaum am Wegesrand und Kenny lenkt querfeldein. Was auch passiert, ein guter Safariguide denkt immer an das leibliche Wohl seiner Schützlinge. Weiterhin ist kein anderer Jeep zu sehen und nun werden wir hier den Campingtisch aufschlagen und gemütlich frühstücken.

Unglaublich! Noch immer ziehen nur 20 Meter vom Fahrzeug entfernt die Gnus in langen Linien in eine Ferne, in die sie ein uralter Instinkt magisch lockt. Ein ziemlich unwirkliches Gefühl, sich hier in einen Campingstuhl zu setzen und ein Früchtemüsli zu löffeln! In jedem Fall aber ein unvergessliches Erlebnis!

Pragmatisch gemahnt Kenny irgendwann zur Rückkehr und schweren Herzens, doch dankbar für diesen Morgen füge ich mich. 

Wieder im Camp habe ich Gelegenheit, das üppige Raumangebot der Jurte bei Tageslicht in Augenschein zu nehmen. Das große und hohe Zelt besitzt ca. 8 Meter Durchmesser und ist außer dem Doppelbett mit zahlreichen Teppichen und gemütlichen Sitzkissen ausgestattet sowie einem kleinen Schreibpult. Durch einen kleinen Verbindungsgang gelangt man in das angegliederte ebenfalls runde Badezimmer. Auch hier gibt es eine Eimerdusche, die auf Wunsch von außen mit 20 Liter warmem Wasser gefüllt wird. Die Longdrop Toilette, für einige ein rustikales Markenzeichen echter Safaris, ist allerdings nicht jedermanns Sache und soll in Kürze durch eine Chemietoilette ersetzt werden.

Auch eine Siesta will genutzt sein und so lese ich ein wenig in dem nun angenehm ventilierten Zelt. In der Hitze des Tages werden die äußeren Zeltstoffbahnen hochgeklappt und so kann die Luft frei zirkulieren und ein wenig kühlender Wind hereingetragen werden. Das Camp selbst liegt an einem licht bewaldeten Hang mit einem schönen Ausblick in ein flaches Tal, wo einige Maasai Ihre Herde weiden. Das Land hier ist Maasailand und das Camp wird im Einvernehmen mit der lokalen Maasai-Gemeinschaft betrieben.

Für den Nachmittag ist eine Buschwanderung geplant auf die ich mich sehr freue. Leider stellt sich Regen ein und vereitelt unsere Pläne. Das ist wirklich schade, denn ich konnte schon anderenorts feststellen, wie spannend eine Fußpirsch sein kann, die einen willkommenen Perspektivenwechsel verspricht.

Zumindest am Abend hört der Regen auf, so dass Nachtpirschfahrt unternommen werden kann. Ein lokaler Maasai steigt zu, der auch den Bush Walk begleitet hätte und der Manager des Camps steuert aufgrund seiner genauen Ortskenntnisse den Wagen. Kenny wird sich um die Scheinwerfer kümmern. Zwar hat der Regen aufgehört, doch ist er meist kein Vorbote für gute Tierbeobachtungen.

Eher das Gegenteil ist der Fall. Immerhin wir sehen einige Zebras, eine Impalaherde und eine Elenantilope. Dann ist es so dunkel, dass der Scheinwerfer eingeschaltet wird, mit dem Kenny vorsichtig die Bäume und Sträucher ableuchtet. So sehen wir zwei Löffelhund und eine Tüpfelhyäne.

Sobald der Scheinwerfer länger auf einem Tier verweilt legt Kenny eine rote Schablone vor, um das Tier nicht zu blenden. Im Dunkel verraten die Tiere eigentlich nur ihre Augen, die im Scheinwerfer wie Edelsteine aufblitzen. Eindrucksvoll sind die Augen der Bush Babies, die man bei Tageslicht so schwer zu Gesicht bekommt. Die kleinen Kerle haben riesige Augen, die rubinrot reflektieren. Die Beobachtungen sind nicht spektakulär, aber doch interessant und es  wird deutlich, wie das Leben in der Wildnis nachts kontinuierlich weitergeht, meist eben unbemerkt von menschlichen Beobachtern. Wir machen uns auf den Weg zurück zum Camp.

Auf einmal hören wir es, ein lautes Aufjaulen. Aus welcher Richtung kam das? Wieder jault es fürchterlich. Wir können nur dem Geräusch nachgehen. Hier  können wir ja abseits der Wege fahren. Ein Winseln, wir korrigieren die Richtung wieder. Es klingt nah, doch nichts ist zu sehen. Jetzt bricht der Lärm richtig los und im Zickzack nähern wir uns dem Schauplatz des unheimlichen Geschehens. Eine riesige Meute Hyänen zerreißt die Überreste eines Zebrakadavers. Dabei gehen sie miteinander nicht zimperlich um. Die Rangordnung ist ständig umstritten und so kämpfen die Tiere mit Heulen, Knurren, Kläffen und Fauchen untereinander um die besten Bissen.

Ohnehin nicht gerade der Liebling der der Kuscheltierfabrikanten wirken die Hyänen mit den durch den Scheinwerfer roten Augen und dem wilden Gebaren fast beängstigend. Das ist eben genau so Teil der Natur in der Serengeti wie ein tollpatschiges Löwenbaby muss ich mir selber ins Gedächtnis rufen. Für etwas Erheiterung sorgt ein Schakal, der todesmutig immer wieder versucht an den entfesselten Hyänen vorbei ein Stück Fleisch zu ergattern.

So gelangt unser ruhiger Night-Drive doch noch zu einem furiosen Ende und markiert den Schlusspunkt von zwei unvergesslichen Tagen in der Serengeti, als ich zu Gast sein durfte im Serengeti Safari Camp und in Nduara Loliondo, unter den Fittichen meines exzellenten Guides. Kenny geleitet mich am nächsten Morgen noch verlässlich zum Airstrip und bleibt an der Landepiste bis er die Cessna aus den Augen verliert.

Ob es die „Perfekte Safari“ war? Das ist kaum zu beantworten. Ich hatte einen Tagen mit den Löwen und einen weiteren mit den riesigen Gnuherden der Serengeti. Vermutlich aber gibt es die eine perfekte Safari gar nicht. Oder aber es gibt verschiedenste Arten.

Vielleicht ist auch jede Safari nahezu perfekt, die Raum lässt für neue Erfahrungen, oder die eine Keimzelle wird für die Faszination für wilde Tiere und den Wunsch, bald wieder zurückzukehren in die Savanne, in der jeder Tag so viele Überraschungen bereithält, dass sich auch ein wake up call um halb sechs Uhr morgens ganz gewiss lohnt.

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